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02.06.03 Reise in die Vergangenheit  

 

phil - Heute ist der richtige Tag, um diesen Text, dessen Inhalt mir grob schon lange im Kopf herum schwirrt, einmal aufzuschreiben. Schon lange nicht mehr war ich so nervoes wie heute Morgen, nicht einmal am Tag des Abflugs in Zuerich.

Jeden Morgen, an dem wir zu einer neuen Etappe aufbrechen, bepacken wir die Motorraeder, Jasmin mehr da schneller als ich, steigen in die dicken Stiefel, schnallen den Rueckenpanzer an und ziehen uns die massige Jacke um. Danach schwingen wir uns auf den Sitz, stuelpen den Kopfstrumpf ueber, dann der Helm, einsam. Ab diesem Moment wird es still um einen herum. Alle Geraeusche nur noch gedaempft, falls Kommunikation, nur noch stenografisch bruellend oder mit Zeichen. Ich ziehe die Handschuhe an, drehe den Schluessel und lasse den Motor mit dem Anlassknopf an. Von nun an tauche ich ein in eine Welt der Gedanken, Erinnerungen, begleitet vom mal saeuselnden, mal pfeifenden, mal droehnenden Wind und dem fast immer gleichen schnurren des Motors.

Auf der Reise, im Helm, bin ich stundenlang mit mir alleine. Je monotoner die Strasse, umso weiter gehen die Gedanken in der Zeit zurueck, umso intensiver und lebendiger werden vergangene Erlebnisse, welche ich zum Teil schon laengst vergessen glaubte. Die Gedanken folgen keinem roten Faden, sind sprunghaft, werden geweckt durch einen Namen auf einem Strassenschild, einem Anblick einer Landschaft, durch assoziative Gefuehle. Enden tun sie mal abrupt, durch eine scharfe Kurve, welche einen in Bruchteilen einer Sekunde in die Gegenwart zurueck holt, mal verlaufen sie mit den Meilen, gehen mit dem Wind.

Oft versuche ich auch, diesen Zustand des alleine seins, des Gedanken jagens, zu analysieren, Muster zu erkennen, Ablaeufe zu beeinflussen, ich probiere verschiedene Varianten, das was waere wenn spiel. Bis jetzt ganz ohne Erfolg, das Hirn laesst sich nicht einfach schubladisieren. Einige Erkenntnisse jedoch gewinnt man schon. Zum Beispiel, dass die Erinnerungen eine Gewisse Zeitspanne nicht oder nur selten ueberschreiten, oder dass die juengste Vergangenheit, damit meine ich die letzten 2 bis 4 Jahre, fast keine Rolle spielg. Vielleicht deshalb, weil die Geschichten dieser Zeit noch fortgeschrieben werden und noch nicht abgeschlossen sind? Es ist noch nicht Geschichte. Was waere wenn ist sehr gegenwaertig und nicht Theorie. So gesehen sind Gedanken ueber diese Zeit auch Gedanken ueber die Zukunft, und die kommt auch nicht zu knapp. Ist es wirklich das richtige, was ich mache, was mache ich nach meiner Rueckkehr. Viel Zeit fuer alles.

Durch Begegnungen mit Leuten auf der Strasse wird mir immer wieder bewusst, dass ich den Traum vieler Menschen leben darf. "Das will/wollte ich auch schon immer einmal" hoere ich sehr oft. Versunken im Helm loesen diese Aussagen bei mir das Gefuehl aus, mich bei vielen Leuten aus meiner Vergangenheit bedanken zu wollen. Alle auf ihre Art dazu beigetragen haben, dass ich heute hier bin (nicht mehr nervoes).

Ich denke beispielsweise oft an meinen Jugendfreund in der Mittelstufe, der mir zu jener Zeit einmal eine Postkarte aus den USA, welche er mit seiner Familie waerend den Sommerferien durchquerte, geschrieben hat. Das Motiv der Karte ist mir bis heute Praesent geblieben. Ein weisser Lamborghini und ein roter Ferrari auf schwarzem Hintergrund. Nicht, dass ich mich nun an dieser Stelle bei ihm ein weiteres mal fuer diesen praegenden Moment bedanken wollte. Wann, dann eher bei unseren Eltern, welche viel Geduld mit uns hatten. Die Zeit mit ihm haben wir zusammen erlebt und durchlebt, das ist ausgeglichen.
Auf einigen Campingplaetzen stehen noch alte Arcade Spielkonsolen und Flipper herum, welche an eine spaetere Zeit erinnern, in welcher die Nachmittage und Abende schon fast exzessiv mit Ramps, Loops und Levels anstatt mit Deutsch, Franz und Englisch verbracht wurden. Obwohl auch hier ausgeglichen, akw, fox - we had a great time.
Es gibt dutzende solcher kleinen Geschichten, freudige, peinliche, stolze und traurige, letztere am seltensten. Zeit heilt Wunden - durch Erfahrung relativiert, akzeptabel zurecht gerueckt oder schlicht und einfach vergessen.

Heute haben wir frueh um 7h15 die Strasse unter die Raeder genommen. Zum einen wollten wir durch fruehes aufbrechen der groessten Tageshitze ausweichen, zum anderen genuegend Zeit haben, die Formularitaeten am mexikanischen Zoll zu erledigen. Auf diesen letzten 65 Kilometern auf amerikanischem Boden stieg die Aufregung immer weiter, ueberfluegelten die riesigen Kakteen des Organ Pipe National Parks. Wenigstens ein kurzer Halt fuer Fotos; ich schaue es mir dann zu Hause an. Erinnerungen an die Reise in Suedamerika, da hatte ich zum letzten mal spanisch gesprochen. Das ist immerhin acht Jahre her. Kann ich es noch sprechen, verstehe ich es wenigstens noch ein wenig? Was, wenn uns alles geklaut wird (was mir von Miesmachern schon vor acht Jahren prophezeit wurde und nie eingetroffen ist)?
Muehsam versuche ich Saetze in spanisch zusammen zu flicken. Froh, dass wenigstens fragmente uebrig geblieben sind, erstaunlich viele sogar, beunruhigt, wie wenig verstaendliche Saetze daraus entstehen koennen.
Die Zollabfertigung verlaeuft reibungslos. Die Menschen sind freundlich und hilfsbereit. Die fuer einen kompletten Satz fehlenden Satzteile koennen durch Handzeichen und ein freundliches Laecheln ersetzt werden.
Der erste Tag ist geschafft, die groesste Huerde genommen. Morgen habe ich vielleicht schon wieder ein wenig Zeit, meine Zukunft zu planen.


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