15.06.03 Phils Blick auf Mexico  

 

phil - Der heutige Tag wurde schlussendlich doch noch gut. Dies kann ich schon jetzt festhalten, obwohl es noch nicht einmal drei Uhr am Nachmittag ist und rein theoretisch koennte noch vieles passieren, was die Stimmung nochmals umschwingen liesse. Doch muesste gleich das Hotel abbrennen oder einer Naturkatastrophe zum Opfer fallen, ansonsten lasse ich mich nicht mehr aus der Ruhe bringen. Da sitze ich also, in einem Hotelzimmer, etwas teuer zwar, aber den Preis wert. Wir sind soeben vom Markt zurueck gekommen, wo wir uns mit Fruechten, Brot und Getraenken eingedeckt haben. Die Motorraeder befinden sich in einer Garage und ich werde mich hueten, mir auch nur einen Moment Sorgen zu machen, wie es ihnen geht, das mache ich mir sonst schon den ganzen Tag lang, angesichts des mexikanischen Strassenzustands.

Der Stimmungsumschwung kam eigentlich mit dem schleppen der Aluboxen von der Garage im Keller in den ersten Stock, in der Erwartung einer Klimaanlage.

Der Tag begann, wie seit ein paar Tagen ueblich, kurz vor oder nach sechs Uhr morgens. Es ist die Hitze, welche einem die ganze Nacht ueber den Tiefschlaf verwehrt und irgendwann ist aufstehen die bessere Alternative. Diese Tatsache macht meinen Tag nicht sauer, ich lege mich einfach entsprechend frueh am Abend hin und akzeptiere, was nicht zu aendern ist. Draussen ist es noch dunkel.
Wir befinden uns in der Naehe des Aequators, was bedeutet, dass die Naechte ganz ungewohnt lange sind. Ungewohnt fuer mich Mitteleuropaeer, der Sommertemperaturen mit langen Tagen, romantischen Daemmerungen und kurzen Naechten verbindet. Hier geht das wie mit einem Lichtschalter. Zack, acht Uhr, Sonne runter, finster. Zack, sieben Uhr, Sonne rauf, hell.
Zuerst einmal die Koerpereigenen Wassertanks nachfuellen, dann Brot mit Bananen, begleitet von Trickfilmen, das Morgenprogramm am Wochenende, ideal, spanisch zu lernen. Duschen, packen, Boxen schleppen.
So um sieben Uhr steigen wir auf die Motorraeder, eigentlich verschwitzt genug, um die naechste Dusche zu nehmen. Gleich nach dem aufstehen habe ich 29 Grad C im Zimmer gemessen, die Klimaanlage lief die Nacht durch. Die ersten beiden Stunden am Morgen laufen jedoch immer sehr ring. So lange die Sonne nicht schonungslos auf den Topf brennt, und die Sonne steht jeden Tag senkrecht, kuehlt der Fahrtwind ab.
Eigentlich planten wir nach diesen zwei Stunden am Ziel zu sein. Nochmals einen Tag am Meer, an der Atlantikkueste, welches an dieser Stelle so einladend warm ist. Noch einmal Palmen, Sand, Zeit zum ausruhen, lesen, planschen. Wir waren nach zwei Stunden auch an diesem Ort, alles lief wie geplant. Es war der Ort selbst, der anders aussah als der Ort, den wir uns vorgetraeumt hatten. Fischerdorf, verflossener Reichtum, nun alles verlottert, verrostet, weder Palmen noch Sand, noch rhythmisches rauschen der Wellen. Das einzige zweistoeckige Gebaeude ist eine Spelunke am Pier, aus welcher schon zu dieser Zeit die immer froehliche Volksmusik traellert. Die tote Ratte vor dem Lokal scheint sinnbildlich. Jasmin und ich beschliessen weiter zu fahren, versuchen wir es im naechsten Dorf.

Wer schon auf eigene Faust gereist ist, der kennt die Situation vermutlich auch. Just ab diesem Zeitpunkt kommt nichts, aber auch wirklich nichts mehr, wo man bleiben koennte. Nun weg vom Meer, einem Fluss entlang, ist die Strasse zwar gesaeumt von kleinen Haeusern und Huetten. Menschen davor und auf der Strasse, doch kein Platz zum rasten und ruhen.
Nach einer weiteren Stunde ein kleines Dorf, ein Hotel, dieses ausgebucht, also noch weiter. Immer mehr nagen die Loecher in der Strasse an meinem Verstand, die dutzenden von Strassenschwellen beanspruchen Bremsen, Kupplung, Federung und meine Nerven aufs aeusserste.
Wenn mit der Zeit die Kraft aus dem Koerper entweicht, falle ich in einen Zustand, dass mir alles, aber auch wirklich alles egal ist. Die Freude ist weg, der Sinn und das Ziel zweifelhaft. In dieser Situation, welche ich durchaus erkenne, konzentriere ich mich jeweils darauf, zu funktionieren, gegenueber Jasmin freundlich zu bleiben, die Mexikaner nicht zu verfluchen, als seien sie Schuld an meiner Praesenz. Eigenschaften - der Leute, der Strassen, der Kultur, der Partnerin - erscheinen allesamt unter einem negativen Aspekt. Das einzige was mich beruhigt ist die Tatsache, dass ich mir selbst auch egal bin, was ich als Zeichen interpretiere, dass es sich bestenfalls nicht oder wenn schon nicht nur um Selbstmitleid handelt.

Einige dieser Eigenschaften sind erwaehnenswert. Ohne zu werten moechte ich einige erzaehlen, es sind schlussendlich auch die Dinge, an welche man sich erinnert. Da sind beispielsweise die mexikanischen Verkehrsregeln, die Strassen, deren Beschilderung. Den Umgang der Einheimischen mit Haustieren, auch sehr ungewohnt.
Die langsamsten Verkehrsteilnehmer sind nebst Fahrradfahrern, uebrigens nicht wenige und nahezu ueberall anzutreffen, von der Dorfstrasse bis zur Autobahn, und Eselskarren sind die Krankenautos. Aufgrund der unzaehligen Strassenloecher wohl doch sehr zum Vorteil des Patienten. Die Strassen sind im augenscheinlich wohlhabenderen Zentralland besser gepflegt und erhalten, als in den Randgebieten im Norden und Sueden. Da sind sie teilweise erbaermlich verkommen und verdienen den Namen Strasse kaum. Selbst die teuer bezahlten Autobahnen sind dann teilweise Slalompisten. Immerhin hat das zur Folge, dass eine grosse Mehrheit der Auto- und Lastwagenlenker unter dem vorgeschriebenen Maximum (110 Kmh) fahren. Das habe ich bis anhin noch in keinem Land erlebt. Die schnellsten sind in der Regel die Personencars, wobei es in dieser Kategorie zu unterscheiden gibt. Das Bustransportgeschaeft ist unterteilt in unterschiedliche Preisklassen und befoerdert jeweils die Personen der angesprochenen Gesellschaftsschicht. Die Rostmuehlen der unteren Klassen, die, welche auch die unter (Autobahn-) Ueberfuehrungen wartenden Passagiere aufnehmen, was durchaus gaengig und auch erlaubt ist, koennen wir mit unseren Motorraedern ueberholen, angenommen wir fahren mit der Geschwindigkeit, mit welcher wir uns noch wohl fuehlen. Die alten Busse fahren zwar mit Volldampf und stinken fuer drei, bringen aber selten mehr als 80 auf die Piste. Die Luxuscars der Pullmann Klasse kennen hingegen gar nichts. In einem Business, in welchem es um Minuten geht, wir sind immer noch in Mexico, ok ich werde ein wenig ironisch, wird gegen die Konkurrenz gekaempft. Jeder hat zwar ein 95er Sticker am Heck kleben, was aber mehr als die Mindest- als die Hoechstgeschwindigkeit verstanden wird.
Wie schnell die LKW Fahrer unterwegs sind, kommt halt ganz auf die Ladung und die Anzahl zu durchquerenden Doerfer und Staedte an. Das ist uebrigens etwas, was mich immer wieder ganz an mein geliebtes Zuerich erinnert. Wie in der Schweizer Wirtschaftsmetropole enden auch hier die Autobahnen anfangs einer Stadt, man muss mitten durchs Zentrum, um am anderen Ende wieder auf die Autobahn zu kommen. Durch die Doerfer und Staedte sind wir mit unseren Motorraedern dann jeweils schneller. Nicht ganz immer. Wir sind nur dann schneller, wenn ein Dorf die Durchgangsstrasse mit Strassenschwellen zugepflastert hat. Das trifft auf praktisch jedes Dorf zu. Ist das nicht der Fall, so nutzen die Lastzuege natuerlich die Gelegenheit uns, welche wir auf die erlaubten 40 abbremsen, an uns vorbei zu ziehen.
Auf Ueberlandstrassen wird gerast und ueberholt, was das Zeug haelt. Ob uebersichtlich oder nicht, mit Glueck und Glauben wird es schon gehen. Einen Grund fuer diesen Zustand sehe ich in den oftmals komplett unerklaerlichen Geschwindigkeitsvorgaben und den oftmals inkonsistenten Beschilderungen. Diese sind so oft realitaetsfremd niedrig, dass sie wohl von niemandem mehr, auch von uns nicht, ernst genommen werden. Die einzige Erklaerung, welche mir in den Sinn kommt, ist die, dass der Staat auf keinen Fall haftbar gemacht werden moechte.
Diesen Zustand des nichtbefolgens nimmt dann teilweise auch seltsame Formen an. So gibt es nicht nur Schilder "Vorsicht vor irgendwas", es gibt nun auch solche, welche zur "Extremen Vorsicht vor irgendwas" mahnen. Oder die erwaehnten Strassenschwellen, zu denen ich mich nicht weiter aeussern moechte, da der Text so schon lange genug ist.
Wie in anderen suedlichen Laendern und in der Schweiz hie und da als abschreckende Massnahme vollzogen, zaeumen die Strassen Mexikos Kreuze, pro Unfalltoten eines. Manchmal sind das schlichte, kleine weisse Kreuze, manchmal sind das halbe Kathedralen aus besserer Bausubstanz als die Haeuser vieler Einwohner. Nun, es liegt mir fern, mich ueber die Art, wie andere Kulturen ihrer Toten gedenken, lustig zu machen. Doch es ergibt sich manchmal ein absurdes Bild, wenn beispielsweise so viele Kreuze an einer engen Kurve auf einer Bergstrasse stehen, dass sie die nicht vorhandene Leitplanke ersetzen. Ich frage mich dann auch jeweils, ob die Kreuze wieder aufgebaut werden, wenn das naechste Auto ueber die Klippe rast und sie abrasiert.
Bei dieser Gelegenheit komme ich auf die Geschichte mit den Haustieren. Jasmin und ich befinden uns auf einer phaenomenalen, 300 Km langen Strecke vom Pazifik ins Landesinnere. Von 0 auf ueber 2'800 Meter, schier endlos reiht sich Kurve an Kurve. Da kommen wir gerade aus einem Rank, da koennen wir eben noch Zeugen werden, wie eine junge Frau mit einem kleinen Jungen an der Seite, einen mittelgrossen Hund, aus der Ferne eine Strassenmischung, nicht wie bei uns, wo der Trend zur breiten Fresse oder Hamstergroesse geht, ein ganz normaler Hund eben, im Nacken gepackt ueber eine Klippe wirft. Da traut man seinen Augen nicht so recht und doch haben wir beide das gleiche gesehen. Schmeiss und weg.

Einige unterschiede in der Mentalitaet sind augenfaellig. Eben, der Umgang mit Haustieren oder Tieren allgemein. Die Rangordnung ist hier ganz klar erkennbar. Das empfinde ich nicht weiter als schlimm, mache mir mehr Sorgen ueber die Vermenschlichung der Tiere in unserer Kultur. (Das mit dem Vegetarier in einem vorgaengigen Bericht ist kein Witz. Ich bin bekennender Vegi und vertrete die Meinung, dass ein erwachsener Mensch auch leben kann, ohne etwas zu essen, was einmal einen Puls gehabt hat. Hunde anzuziehen, Fischen Schatztruhen ins Aquarium zu legen, ein Buch ueber den Tanz mit Katzen, leider auch kein Witz, zu veroeffentlichen, das ist, no sorry, bescheuert.). Was fuer mich unverstaendlich bleibt, ist die offensichtliche Gleichgueltigkeit einer Mehrheit gegenueber den Muellhaufen am Strassenrand, den unertraeglich stinkenden Fabriken, dem saeuerlichen, beissenden Geruch von Faeulnis und Verwesung toter Tiere, welche mitten in besiedeltem Gebieten auf der Strasse liegen bleiben. Die hunderten von Loechern im Asphalt bleiben einfach offen, keiner scheint sich darum zu kuemmern. Ich fahre einmal da durch und rege mich schon auf, weshalb tun denn nicht die was, die dort leben. Wahrscheinlich ist genau das die Erklaerung, vielleicht bin ich mir auch zu viel gewohnt.

Einiges bleibt sich auch gleich. In Tuxpan haben wir die Poststelle aufgesucht und das gefunden, was wir uns von jeder Poststelle der Welt gewohnt sind: Zehn gehaessige Angestellte in einer Baracke ;-)

Also immer schoen sauber, bis zum naechsten Bericht, Phil


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