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17.06.03 Klein beigeben  

 

phil - In einigen Punkten muessen oder moechten wir klein beigeben, mal freiwillig, mal mit gesteigerter Freiwilligkeit, wie sich ein Arbeitskollege jeweils auszudruecken pflegt, wenn ein Auftraggeber einen vor die Wahl stellt, Auftrag ausfuehren oder ein anderer machts.
Es kommt doch auch schon einmal vor, dass wir, um saemtliche Alternativen beraubt, ueberhaupt keine Wahl haben, klein beizugeben. In einer solchen Lage fanden wir uns in Tampico, Mexico, als wir verzweifelt und schon zum dritten mal mit den vollbepackten Motorraedern durch das morgendliche Chaos des oertlichen Fruechte- und Fleischmarktes draengten, auf der Suche nach der Bruecke, welche ueber den Fluss stadtauswaerts fuehrt. Lastwagen und Busse stinken um die Wette, weiss-gruene Taxis quetschen sich in jede Luecke, welche zwischen Fussgaengern, Holzkisten schleppenden Marktarbeitern, Bettlern und Fahrradfahrern entsteht. Die Chauffeure hupen unentwegt, um auf sich aufmerksam zu machen, ein Polizist gibt sich alle Muehe, mit seiner Traellerpfeiffe den allgemeinen Laermpegel zu uebertreffen. Zu unserer Freude faehrt man in diesem alten Teil der sonst sehr amerikanischen, da nahe der Grenze, und daher atypischen Stadt, auf Pflastersteinen. Die schmalen Strassen, gefuellt mit all dem lebendigen Treiben treiben uns einfach weiter. Was moechte man da machen? Die Fuhre hinstellen und anfangen unser Hab und Gut zu verkaufen? Tja, daran habe ich noch selbst gar nicht gedacht, widerspricht aber auch unseren weiteren Zielen.
Nach 50 Minuten fanden wir endlich die Bruecke. Sie befindet sich nicht wie in unserem Stadtplan eingezeichnet im Marktviertel, sondern ein paar Kilometer noerdlicher. Detail.

Klein beigegeben haben wir vor wenigen Tagen mit dem Brot. In Amerika haben wir keinen Aufwand geschaeut, knuspriges Brot am Stueck und nicht gescheibelt aufzutreiben. Laden um Laden haben wir abgeklappert um uns schlussendlich doch mit einem Sack weichen Broetchen, immerhin mit Kernen und Nuessen, zufrieden zu geben. Und denken sie jetzt nicht, dass wenn sie einmal die Supermarktkette mit den knusprigen Broten entdeckt haben, sie koennten dann Landesweit einfach in eine Zweigstelle reingehen und sie finden das Gesuchte. Schnell lernen sie , dass dieses spezielle Suchtmittel mit regionalen Unterschieden verkauft wird. Mit der Wahl des Verkaufsortes erhoehen sie lediglich die Wahrscheinlichkeit.
Ueberall in Amerika verkaufen sie diese pampigen Weggen, preisen das Zeugs sogar speziell als "weich bis zur letzten Scheibe" in der Werbung an. Alles andere als Weissbrot wird, falls vorhanden, den extragrossen oder extrakleinen Leuten angeboten, welche es ueberhaupt bis zu dieser abgelegenen Stelle des Gestells schaffen. Dafuer eine riesige Auswahl an Muffins und Donuts, mit Zuckerguss ueberzogen und Smarties bestueckt. Natuerlich uebertreibe ich. Es gibt die raren Laeden, welche Brot, ungeschnitten, mit so etwas aehnlichem wie einer Rinde, anbieten. Was oftmals nichts an der Farbe aendert, die ist auch hier vorrangig weiss. Und sauer, extrem sauer, oder mit einem speziellen "Flavour" bereichert. Pizzageschmack, Cheddar ueberbacken oder, der Favorit, Knoblauchbrot, so oelig weich und triefend, dass es in eine Art Alupapier eingepackt wird.
Es gibt auch "French Bread", also noch nicht "Freedom Bread", dem aussehen nach etwas geschrumpfte, dickliche Baguettes. Wir haben sie getestet, diesen Versuch, europaeische Kultur zu adaptieren. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob vor dem Krieg und dem Zerwuerfnis mit den Franzosen, die Brote mal besser waren und heute noch mehr als Jux, so zum herum werfen oder putzen, angeboten werden.
Nun wir haben es ueberlebt und immerhin kamen wir immer zu mehr oder weniger Vollkornbroetchen, welche zwar teuer und meist nicht knusprig, aber wenigstens vom Geschmack her ganz geniessbar sind. In Mexico nun gibt es wunderbare Broetchen mit feinster Kruste zu einmalig guenstigen Preisen - und extrem weiss. Sie sind fein, diese Dinger, wenn man sie frisch kauft. Schon drei Stunden spaeter braucht es schon Wasser um den Gaumen zu spuelen und am naechsten Morgen kann man die Heringe am Zelt damit einschlagen. Nun haben wir verschiedene Probleme mit diesen Broten: a) Baecker in Mexico zu sein, heisst nicht, frueh aufzustehen. b) Es wird unterschieden zwischen salzigen weissen Broten und suessen Weissen, wobei die Salzigen nur am Vormittag zu haben sind. c) Am liebsten haetten wir frische, salzige Broetchen fruehmorgens. Gibts nicht, geht nicht und so haben wir klein beigegeben und uns zum ersten Mal auf der Reise Toastbrot gekauft. Von diesem bekommt man in ganz Mexico, zwar immer dieselbe Marke, "Bimbo", es ist aber die einzige Form, wie man zu Vollkornbrot kommt und geniessbar sind sie auch.

Dann findet man sich urploetzlich in eine Lage versetzt, in welcher ich immer klein beigebe, obwohl man durchaus die Wahl haette: Zwei Scheinwerfer kommen einem auf der eigenen Fahrspur entgegen. Meine instinktive Reaktion, klein beizugeben, hat sich bis heute immer bewaehrt. Denn zwei Scheinwerfer, welche mit hohem Tempo naeher kommen, sind als "ich habe zwar kein Vortritt, komme aber trotzdem" zu interpretieren. Also abbremsen, rechts ran fahren, damit der Optimist fertig ueberholen kann. Die Signalgebung der Einheimischen, welche ich im Allgemeinen immer noch fuer gute, wachsame Fahrzeuglenker halte, ist mir bis Heute nicht wirklich sympathisch. Gehupt wird aehnlich wie bei uns. Ein St.Galler, der missverstaendlich mit dem Auto in Zuerich herum faehrt, kennt das. Geblinkt wird allerdings nach anderen Regeln und irgendwie immer. Es gibt auch solche, die fahren ohne Unterbruch mit den Warnblinkern herum. Moechte ein Fahrer eines langsamen Fahrzeuges signalisieren, man koenne ihn ueberholen (!Achtung: Immer selbst kontrollieren, ob das auch nach Eurem Gefuehl so ist!), das auf Autobahnen, Ueberland, oder in den Doerfern auch die Busse und Taxis, so blinken sie links. Ja, links. Sie blinken links und fahren rechts ran. Das muss man erst einmal wissen. Sorgte bei mir mehrmals fuer Verwirrung oder erhoeten Puls, wenn das Auto doch links abbog, anstelle an den Rand zu fahren.

Klein beigeben kommt auch vor, ich gebe es zu, aus purer Verzweiflung. Bin ich fit und munter, ein Zustand, der abhaengig vom Klima drei bis sechs Fahrstunden anhaelt, bin ich nicht darum verlegen, Hotels und Motels als nicht passend abzulehnen. Aus diversen Gruenden. Zu teuer, zu dreckig, zu abgelegen, zu unsicher (keine Moeglichkeit, die Motos zu parken). Bin ich nicht mehr fit und munter, sinkt die Hemmschwelle und den Anspruch an ein anstaendiges Preis- Leistungsverhaeltnis. In diesem Fall bin ich immer heil froh, dass die Person an der Rezeption mir nicht auf der Stirn ablesen kann, dass ich mitlerweilen jeden Preis fuer eine Matratze am Boden bezahlen wuerde. Ja, wir haben schon zwei, drei Mal etwas viel bezahlt...
Doch moechte ich an dieser Stelle auch darauf aufmerksam machen, dass wir schon mehrmals einen tieferen, als den angeschriebenen Preis bekommen haben. Bei Uebernachtungen oder in Internet Cafes. Das hat mit dem "blaue Augen Bonus" zu tun. Sind Frauen am Schalter, so uebernehme immer ich, mit meinen eigentlich unspektakulaeren, blauen Augen, die Initiative. Die Wirkung ist oefters erfreulich. So manch intensiver Blick wird mir geschenkt und die Preise fallen.

Die Mexikaner erlebe ich als ein sehr freundliches, etwas zurueckhaltendes Volk. Geht man auf die Leute zu, sind sie doch sehr hilfsbereit. Dies soll aber nicht darueber hinweg taeuschen, dass man als Touri, auch mit blauen Augen, ueber den Tisch gezogen wird, wenn man einmal nicht aufpasst.
Die Tankstellen sind in Staatsbesitz, der Benzinpreis im ganzen Land gleich, etwa 85 Rappen pro Liter (0.60 USD). Beim tanken muss man also nichts befuerchten, die Bedienung ist dafuer entsprechend jedem Betrieb mit Staatsmonopol. In Laeden wird dafuer oefters versucht, ein paar Peso dazu zu verdienen. Ich empfinde es immer amuesant, bis zu einem gewissen Limit, wie die Angestellten an der Kasse die Ware auf der Theke betrachten und einfach einen Endbetrag in ihre Taschenrechner tippen. Diesen Rechner halten sie einem dann unter die Nase und schauen einen an, als sei das eine in Stein gemeisselte Wahrheit, auf die sie nicht den geringsten Einfluss haben.
In einem Laedelchen bei einer Tankstelle, irgendwo zwischendurch, nicht sehr abgelegen, wollte ich eine Flasche Wasser kaufen. Guenstige Anbieter verkaufen sie fuer fuenf Peso fuenfzig, die meisten fuer sieben, die teuren fuer acht. In dieser Bude verlangten sie zehn. Fuenfzig Prozent Aufschlag zum Normalpreis fand ich zu viel. Ich habe gefragt, ob es moeglich sei, dass hier der teuerste Ort von ganz Mexico sei und ob ich das Wasser auch fuer acht kriegen koenne, natuerlich beleidigt, dass meine Augen nicht mit auf der Waagschale lagen. Mit Verhandeln war nix. Vielleicht war ich zu offensiv, vielleicht waren sie zu stolz. Sie haben keinen Ton gesagt. Entweder man bezahlt den Preis oder laesst es. Ich habe es gelassen.
In abgelegenen, nicht touristischen Orten, sind die Preise uebrigens oft angeschrieben und da bezahlt ein Fremdling auch nicht mehr als die Einheimischen. Die Frage, klein beizugeben, stellt sich demnach ueberhaupt nicht. Das ist angenehm, obgleich ich durchaus bereit bin, einen kleinen Aufpreis zu bezahlen, so lange auch ich meinen Stolz behalten kann.


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