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17.06.03 Erste Impressionen von Guatemala  

 

phil - Wir wollten genug Zeit haben fuer den ganzen formellen Kram am Zoll, so uebernachteten wir im mexikanischen Grenzort selbst, um am Morgen frueh an der Schranke stehen zu koennen. Ciudad Hidalgo hat nicht viel Charme, wird als relativ gefaehrlich gehandelt, und so ist die Grenze der einzige Grund, weshalb man hier Halt macht. Eine Eskorte junger Maenner und Knaben haben uns am Vortag in Empfang genommen und liessen mit ihren Fahrraedern nicht von uns ab. Wir nahmen ihre Hilfe an und sie fuehrten uns zu einem Hotel, bei dem wir die Motorraeder in den Hof stellen konnten. Mit einigen von ihnen verabredeten wir uns fuer den heutigen Tag, sieben Uhr morgens. Als wir puenktlich um die genannte Uhrzeit aufbrachen, war von den Helfern, die aelteren machen das beruflich, die juengeren nebenbei, nichts zu sehen. Erst ein paar Meter weiter, gabelte uns einer auf, an den ich mich erinnerte, am Tag zuvor gesehen zu haben.
Sieben Uhr war viel zu frueh. Fussgaenger und Fahrradfahrer koennen um diese Zeit problemlos passieren. Braucht man jedoch Transitpapiere fuer die Motorraeder, so wartet man, bis sich die meist aelteren, gepflegt gekleideten Herren des Zollamtes so ganz ungefaehr um neun zur Arbeit bequemen. Bis dahin vergeht die Zeit jedoch mit sporadischen Einsaetzen, wobei die Hauptarbeit unsere, mitlerweilen zwei, Helfer uebernommen haben. Ihr Einsatz war grossartig. Sie sind angestanden, haben Formulare hier und da ausgefuellt, haben mit den Beamten verhandelt und uns ueber die naechsten Schritte informiert. Wir mussten dann jeweils nur mit gehen, wenn die persoehnliche Anwesenheit unabdingbar war. So beim ausstempeln aus Mexico (meine Person reichte um beide Paesse abzustempeln), fuer einige Angaben zum Motorrad selbst, wie Jahrgang, Marke, Modell und schlussendlich zur finalen Unterschrift.
Alles in allem dauerte der Prozess dreieinhalb Stunden und kostete 200 US Dollar pro Motorrad, das die Transitgebuehren. Dafuer haben wir nun offizielle Papiere fuer ganz Zentralamerika. Zum Abschluss verlangten die Maenner zwanzig mexikanische Peso, etwa zwei US Dollar. Wir waren wirklich mehr als froh ueber ihre Hilfe und gaben Ihnen unseren Peso- Restbestand, etwa siebzig Peso, worueber sie sich natuerlich freuten und uns dafuer mit den Fahrraedern durch das Gewuehl der Stadt auf guatemalischer Seite, bis zur Hauptstrasse, der Panamericana, geleiteten.

Weltenbummler, welche sich diese paar Peso sparen moechten, um die 200 USD werdet ihr nicht herum kommen, dafuer alles selber machen wollt, hier der ungefaehre Ablauf: Erst in Mexico ausstempeln (Reisepass), dann in Guatemala die normale Personeneinreise. Nun benoetigt ihr eine Fotokopie dieser Seite des Reisepasses mit dem guatemalischen Stempel, sowie je eine Kopie vom Fuehrerschein und dem Fahrzeugschein. Mit diesen Papieren und den Originalen gehts auf die "Agencia". Etwas abgelegen in einer kleinen Huette, der einzige Ort mit Internetanschluss, sitzt ein junger Mann an einem PC und unterbricht das downloaden von Musikvideos um euch on-line in einen Zentralcomputer zu erfassen. Hier werdet ihr das Geld los, muesst noch nicht bezahlen, doch mit der Quittung gehts nun ins Hauptgebaeude zurueck. Da heisst es anstehen, dann Formulare ausfuellen, Motorraeder besichtigen, rein raus, rein, raus, wenn ihr Pech habt, den Dreck von den Reifen waschen (wir hatten Glueck), irgendwann bekommt man einen Kleber/Vignette, welche am Vehikel angebracht wird, muss ein Papier unterschreiben und geht dann zurueck in die Agencia um zu bezahlen. Im Pass habt ihr nun einen Personenstempel, der muss bei der Ausreise aus Guatemala ausgechecked werden. Dann ist da noch ein Transitstempel, dieser muss beim Verlassen von Zentralamerika ausgechecked werden. Zudem muesst ihr einen solchen Kleber am Fahrzeug haben, eine "Fahrzeugdeklaration" (span.: "Declaracion de Ingreso de Vehiculo Automotor por Turista") fuer Touristen, ein A4 Papier, welches ihr irgendwann unterschrieben haben muesst. Wir haben noch eine kleine Quittung vom Amt fuer Agrikultur, denjenigen, welchen die Bikes als genug sauber erschienen.

Dieser formale Ablauf, immerhin zwei Tage und zwanzig Stunden schneller als in den USA, ist das eine. Wie es an diesem Zoll ausgesehen hat und was fuer Personen sich da rum trieben, das andere. Der Eintritt nach Guatemala loeste bei mir den nun, nach Amerika und Mexico, dritten kleinen Kulturschock aus. Es ist niederschmetternd, wie die Leute teilweise leben. Ich stelle mir die Frage, was ich in einem Land, von welchem mir das auswaertige Amt, der Reisefuehrer und sogar die Einheimischen dringend davor abraten, sich nach Einbruch der Dunkelheit frei zu bewegen, ueberhaupt soll. Die 200 USD versanden wohl irgendwo in den Muehlen des Systems und in den Taschen der Personen, die mit den neusten Automodellen vor dem Hauptgebaeude parken. Auf die eine Art tut es mir weh, wenn ich am Strassenrand Personen sehe, die, meist Kinder, Steine klein bickeln und Kies in unterschiedlicher Granularitaet anbieten.
Es braucht dann jeweils etwas Zeit, bis ich die unheimlich schoene Natur, das satte Gruen, die riesigen, kraeftigen Baeume, die Tabakfelder und reichen Obstbaeume mit reifen Fruechten wieder geniessen kann. Auch wenn ich weiss, dass diese Art zu reisen, auf eigene Faust, die einzig wirkliche Hilfe fuer das Land und ihr Volk ist. Geld vor Ort ausgeben, in den Laeden und an Maerkten, das ist die effizienteste Unterstuetzung ueberhaupt. Geldspenden oder noch schlimmer Warenlieferungen bringen in der Regel wenig. Geld versickert und Waren sind eigentlich nie das Problem, nur deren Verteilung (gem. Studien, publ. im "Economist"). Handeln mit den Leuten vor Ort bringt langfristig den Aufschwung.

jazz - Nach der Grenze tankten wir (hier wird wieder in Gallonen gmessen, ca. CHF 0.80 pro Liter), gingen aufs Klo und machten durchgeschwitzt, nervoes, erleichtert und etwas kritisch (400 US$?!?) unsere ersten 50 km an dem Tag, da wurden wir von der Polizei angehalten und kontrolliert. Das wiederholte sich nach weiteren 60 km nochmals. Die Polizisten, auch Polizistinnen, wollen alle Papiere sehen, studieren diese, kehren sie auf alle Seiten um und geben sie dann schliesslich mit einem markanten Nicken zurueck. Meist gibt es bei solchen Kontrollen etwas zu lachen. ZB wie man unsere Namen ausspricht oder der Fuchs an Phil's Heck.
Um 14.30 Uhr kamen wir in Santa Lucia an. Es hatte nur nahe der Grenze noch einige Topes, danach keine mehr! Und die Strasse ist super gut in Schuss. Aber es hat sehr viel Verkehr auf dieser Strasse, der Hauptachse der beruehmten Panamerica. Dieser Verkehr mufft noch mehr, als der in Mexico. Tja, ich habe selbst kaum geglaubt, dass sich das noch toppen laesst. Hier fahren viele farbige, alte, verziehrte Busse. Die Leute hupen und winken. Sie kommen ploetzlich vollbepackt (Holz, Farn, Fruechte...) aus dem sehr dichten Wald, der fast die ganze Strecke ueber die Strasse saeumt. Ich denke, viele Menschen hier leben noch vom, wenn nicht sogar im Wald. Die Huetten am Strassenrand sind noch eine Stufe armseliger als in Mexico, oft keine Steinmauern mehr. Die Doerfer direkt an der Strasse schrumpfen zu bevoelkerten Zonen an einer Kreuzung mit etwa 5-10 Kiosk mit Fruechten. Wo die Menschen leben, sieht man nur, wenn man ganz genau in den Wald spaeht...

In Santa Lucia fanden wir schnell ein Hotel, die Ansprueche nach einem solchen Tag sinken. Und hier an der Hauptachse hat es viele und gut angeschriebene Hotels.
Kaum angekommen gingen wir einkaufen. Das haben wir ja langsam im Griff: wir brauchen meistens Brot, also eine Panaderia, Wasser, also ein Kiosk, Bananen, also den Frischmarkt, Gemuese, auch am Frischmarkt und Buechsen, also ein Almazen. In einer kleinen Stadt wie Santa Lucia (24'000 Einw.) sucht man am besten die geteerte Strasse und geht dann dem Laerm oder der Musik nach. Oder man sucht ueber den Daechern nach dem weissen Kirchturm und geht dann mal in diese Richtung. So kommt man bestimmt frueher oder spaeter an den Dorfplatz. Von hier aus findet sich alles- mit Auge und manchmal auch Nase. Im Cenrum einer solchen Stadt darf man sich nicht vom Chaos, dem Laerm, den Geruechen, den vielen (auch armen) Menschen, den Autos und Lastern und auch nicht von dem emsigen Treiben und Gedraenge beeindrucken lassen. Einfach mitmachen, als haette man schon immer dazugehoert, das ist die beste Methode, zu allem zu kommen, was man braucht.

Auf dem Rueckweg in Hotel wurden wir vom tropischen Tagesgewitter ueberrascht: nass bis auf die Unterhosen kommen wir im Zimmer an. In solchen Situationen lachen wir viel- auch an diesem Tag. Wir hatten es geschafft: die Grenze, ein Hotel, Nahrung in den Taschen- was macht es da schon, pitschnass zu sein?


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