| |
phil - Respektvoll und mit einem bewundernden O-Ton wird von Zeit zu Zeit von
Schriftstellern berichtet, fuer die das Schreiben nicht Spass, sondern harte Arbeit bedeute. Ein
harter Kampf die Woerter und Saetze so zu ordnen, bis sie exakt die Gedanken und Gefuehle des
Autors wiedergeben. Ein Leidensweg. Und trotzdem tun sie es immer wieder. Ich bezweifle diese
Aussage nicht im Geringsten und bin sogar dankbar, dass die Betroffenen zu der Kategorie der
Wiederholungstaeter gehoeren. Es gibt kaum etwas besseres, als ein gutes Buch. Gut, es gibt auch
solche Schriftsteller, meistens die, welche ihre tragische Kindheit oder ihr verpfuschtes Leben
dokumentieren, sicher beeindruckend, beruehrend und therapeutisch fuer den Schreiber und eine gewisse
Leserklientel, die hoeren nach dem Erstlingswerk leider auch nicht auf.
Nun moechte ich mich
eigentlich nicht ueber die Schreiberlinge aeussern, sondern vom Reisen, meinem Reisen, berichten.
Die oben beschriebene Eigenart einiger Schriftsteller kam mir unterwegs in den Sinn. Dies zu
einem Zeitpunkt, in dem ich mit dem Weiter-Fahren kaempfte. Immer wieder stecke ich in der
Situation, in der ich bemerke, wie gut das Leben in der Schweiz ist (nicht zwingend weil die
Schweiz die Schweiz ist, sondern weil die Schweiz fuer mich das Gewohnte ist) und ich mich frage,
weshalb mache ich das, vor allem schon wieder? Komme nach Hause, uebergluecklich alles
ueberstanden zu haben. Und nun schon wieder alles von vorne: keine Wohnung, keinen Job, doch schon nach ein
paar psychologisch begleiteten Jahren zieht es mich wieder unaufhaltbar in die Ferne, als haette
es nie Zweifel gegeben.
Nun habe ich mich entschlossen, nicht einfach zu leiden.
Schliesslich kommt kein Buch dabei heraus, mit dessen Erloes ich die woechentlichen
Gespraechsstunden bezahlen koennte, sondern lediglich ein paar Gratisseiten im Internet. Dieses
mal uebernehme ich einige Ablaeufe dieser fremden Laender in unsere Automatismen in der Hoffnung,
das Fernweh bleibe dann fuer immer weg. Das bedingt, dass ich mein Verhalten in einigen Punkten
anpasse. Zum Beispiel den Umgang mit Touristen. So stelle ich mir eine Konversation
folgendermassen vor, wenn mich einmal ein Gringo am Loewenplatz, vorausgesetzt ich wohne nach der
Rueckkehr wieder in Zuerich, nach Hilfe ersuchen sollte: Touri: "Entschuldigen sie, ich suche
ein Filmgeschaeft"
Ich: "Fuer was?"
Touri: "Filme entwickeln"
Ich: "Also wenn sie
einen Film kaufen moechten, dann koennen sie das gleich um die Ecke tun"
Touri: "Ich moechte
Filme entwickeln"
Ich: "Was fuer Filme"
Touri: ? (stellen sie sich ein verbluefftes
Gesicht vor)
Ich: ?? (stellen sie sich mein verbluefftes Gesicht vor)
Touri: "Normale
Foto Filme"
Ich: "Ja, also - Filme?" Pause "Normale Filme"
Touri: "Drei 36er Filme,
Farbe, 400er, Kodak"
Ich: "Hier in der Naehe?"
Touri: "Ja, genau. Filme, entwickeln,
hier!"
Und nun halte ich mir Varianten bereit, schliesslich braucht das Leben Abwechslung.
Entweder kommt dann ein ehrliches "hat es hier nicht" oder ganz nach Windstaerke und Luftfeuchte
den Fingerzeig in eine Himmelsrichtung und die Distanzangabe "anderthalb Querstrassen".
Ich habe mir auch schon ueberlegt, ueberhaupt keine Auskunft mehr zu geben, jedenfalls nicht
gratis. Wer Geld hat in die Schweiz zu reisen, der kann auch locker mir noch ein wenig davon
abgeben. Ist der Touri nicht gewillt dazu, spucke ich auf den Boden um saemtliche sprachlichen
Missverstaendnisse zu umgehen.
Nebst diesen immer wieder komisch- lustigen
Konversationen, ueber die Jasmin und ich kurze Momente spaeter lachen koennen, vorausgesetzt wir
finden irgendwann eine Baeckerei oder eine Waescherei, gibt es eine Palette an Geschehnissen, die
entweder nur im ersten Moment oder ueberhaupt nicht zum lachen sind. Dabei wird mir immer wieder
bewusst, wie viel Alltaegliches einfach als selbstverstaendlich erwartet und gar nicht (mehr) als
gesellschaftliche oder technische Errungenschaft wahrgenommen wird. Die ganze Korruption der
Behoerden, ueberhaupt der ganze wahnwitzige Papierkrieg. Ich bin ueberzeugt, all die
Vierfachdurchschlaege von Quittungen und Formularen, Kopien von Formularen, dann abstempeln der
Kopien und nochmals Kopien von kopierten Formularen mit Stempeln; das wird alles nur gemacht,
dass sie das Zeugs in die laengst erloschenen Vulkane schmeissen koennen, damit wir das Gefuehl
haben, die tun noch.
Stellen sie sich vor, ein Oesterreicher faehrt mit seinem Alfa Romeo
ueber die Grenze nach Bayern. Es ist etwa zwoelf Uhr Mittags, denn um acht Uhr Morgens war er der
erste am Zoll. Nach vierhundert Metern wird er von einem Uniformierten angehalten und zur Seite
geleitet, da die Automarke offensichtlich nicht zum Bundesland passt. Der Mann in Amtskleidern
fordert den Oesterreicher auf, nachdem er Pass und Fuehrerausweis, sowie die Kopie einer
Bewilligung mit Stempel zum fahren in Deutschland studiert hat, der Verkehrsminister von Bayern
wolle mit ihm sprechen, er soll sich dazu ueber die Strasse in ein Haeuschen begeben. Im Haeuschen,
Stil Plumpsklo, wird er warmherzig empfangen. Der Verkehrsminister, an einem kleinen
Holztischchen sitzend, gibt dem Oesterreicher sogar die Hand und moechte erst einmal den Pass und
den Fuehrerausweis, sowie die Kopie einer Bewilligung mit Stempel zum fahren in Deutschland
sehen. Die Sachlage ist eindeutig. Die Quittung und der amtliche Stempel darauf ist Begruendung
genug, dass der Oesterreicher einen Euro, oder vergleichen wir das durchschnittliche
Jahreseinkommen von Zentralamerika und Deutschland, also fuenf Euro bezahlen muss. (Ist uns so geschehen, bei der Einreise in Honduras)
Manchmal kommt es dick und ich habe das Gefuehl, die ganze Zeit nur noch betrogen zu
werden. Meistens sind es die Tage mit einem Grenzuebertritt. Dann braucht es frische Luft, in El
Salvador also ein Ding der Unmoeglichkeit, was nicht so schlimm ist, da dieses Zollverfahren zwar
unheimlich zum rauchen der Vulkane beitraegt, ansonsten jedoch sehr geordnet und fair abgewickelt
wird, frische Luft also um ein wenig Abstand zu gewinnen und radikale Gedanken wieder zu relativieren.
Diese Vergleiche zwischen Aufenthaltsort und Heimat zeigen mir, wie sehr es sich lohnt,
sich fuer unser Wertsystem einzusetzen. Die ewigen Noergeler, die der politischen rechten sowie
der linken Fraktion, koennen mir allseits gestohlen bleiben. Wir leben mit vielen Vorteilen, was
nicht heisst, sich auf diesen auszuruhen. Als die wertvollsten Errungenschaften scheinen mir die
gleichmaessigere Vermoegensverteilung und die Sozialsysteme. Zentralamerika ist nicht einfach nur
arm und bemitleidenswert. In diesen Laendern lebt eine kleine Oberschicht in einem Reichtum, den
wir fast nicht kennen und so mancher am rechten Zuerichseeufer neidisch werden laesst.
Eingemauert und mit Waffen bewacht gibt es Einkaufszentren, in denen es alles, wirklich alles zu
kaufen gibt. Die Villenviertel sind prunkvoller und grosszuegiger, als man in der Schweiz
ueberhaupt Platz dafuer haette. Anderseits gibt es keine 10 Kilometer weiter Menschen, die in
Holzhuetten leben, mit Lumpen bekleidet, die nicht wissen, was Europa ueberhaupt ist.
In der
Ferne lerne ich immer wieder den Wert der Heimat von neuem kennen. Keiner soll mir jemals mehr
erzaehlen, in der Schweiz seien die Leute unfreundlich oder gar gehaessig oder ablehnend. Hier
erlebe ich fast taeglich, wie man mit Auslaendern auch noch umgehen koennte. Anderseits empfinde
ich auch ein komplettes Unverstaendnis, den Leuten, die zum Wohlstand des Staates und der
Gesellschaft beitragen, die Stimme zu verweigern. Dabei denke ich an die "Auslaender" in der
Schweiz, teilweise schon in zweiter oder dritter Generation, die Steuern bezahlen, nicht aber an
Abstimmungen teilnehmen duerfen. Einkaufen muessen sie sich, um die Staatsbuergerschaft zu
erhalten. Dabei sollten wir gluecklich sein, dass sie das Negativwachstum der Schweizer
Bevoelkerung ausgleichen, und vieles mehr. Werte soll man wahren, sich aber nicht gegen neues verschliessen!
top
|