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phil - Mittwochabend, kurz nach sechs Uhr, wir machen uns auf den Weg in den nördlichen Stadtteil Quitos;dort befindet sich das Stadion der "Liga Deportiva Universitaria", einer der beiden Spitzenclubs der ecuadorianischen Hauptstadt. Wir, das sind Jasmin, ich und Edison, unser neuer Freund, ueber sieben Ecken kennen gelernt, in Quito zu Hause und grosser Fan der Mannschaft in weiss. Edison half uns erfolgreich, unsere Motorraeder aus dem Zoll zu bekommen. Als waere das nicht genug, hat er zwei Saisonkarten von Freunden aufgetrieben und Jasmin und mich nun, er selbst im Besitz einer Jahreskarte in Kreditkartenformat, zum Sportanlass eingeladen. Draussen ist es langsam am eindunkeln, Zeit fuer das allabentliche Spektakel auf den Strassen.
Die Schuhputzer auf den Gehsteigen klappern ihre Holzkistchen mit Creme und Lappen zusammen, die Glaceverkaeufer mit ihren dreiraedrigen Gefaehrten und staendigem Glocken- Vierklang sind ebenso verschwunden wie die Schueler, welche an den Nachmittagen das Taschengeld als Pantomimen oder mit anderen kuenstlerischen Darbietungen aufzubessern versuchen.
Im Feierabendverkehr wetteifern nun die unterschiedlichsten Leute um Aufmerksamkeit und bestenfalls eine kleine Gabe. Es draengen sich Akrobaten auf Stelzen durch die Blechlawinen, effektvoll setzen sich Feuerspucker bei Ampeln in Szene, die knallgelben Overalls der fuer die Mobiltelephongesellschaft werbenden Frauen, die derart angezogen aussehen wie Formel 1 Mechanikerinnen, leuchten im aus den Kehlen speienden Flammenlicht auf. Musiker kaempfen gegen den Laerm der Busse und Autos, die bei Rotlicht die Scheiben von Kindern ungefragt so etwas wie geputzt bekommen und nachdem sie zehn Cent erhalten haben, zum naechsten Auto ziehen. Kaum einer gibt sich mit einfachem Betteln zufrieden, wer kein Gebrechen zur Schau stellen kann, der kaempft mit Stolz um die Gunst des eilig vorbei ziehenden Publikums.
Waehrend der guten Stunde, in welcher wir im gefuellten Bus vom Zentrum zum Stadion fahren, springen immer wieder Verkaeufer auf, halten Kaugummi, Zeitungen, Schokoriegel, andere Schleckwaren oder Spielzeug feil. Zuerst eine Ansprache von vorne mit einer lauten, klaren Stimme bis in die hinterste Reihe, preisen das Angebotene oder klaeren den potentiellen Kaeufer ueber den Verwendungszweck des Erloeses auf. Danach der eigentliche Verkauf der Ware und schon springen sie wieder hinaus in die Dunkelheit.
Am Stadion geht es zu wie an jedem groesseren Sport- oder Konzertanlass. Fanartikel, Getraenke, Tickets, heiteres Gelaechter, gespannte Gesichter, Zielstrebigkeit. Wie schon mit den Motorraedern, vollbringt Edison auch bei der Sicherheitskontrolle am Eingang fuer Dauerkarteninhaber erstaunliches, wir koennen mit zwei Buechsen Mais, zwei Buechsen Erbsen, Bananen, Brot und sauberer Waesche passieren. Das Stadion selbst ein eindruecklicher Bau, hell gestrichen, neuer, dem Anschein nach. Die Arena besteht aus zwei aufeinander liegenden Ringen, unten Stehplaetze, Fankurve, und Sitzplaetze fuer die normal sterblichen, oberer Ring Privatkabinen mit Innen- und Aussenbereich, jeweils vier bis acht Sessel. Das Stadion, welches etwa 55'000 Zuschauer fasst, ist zu gut einem Fuenftel gefuellt, was normal sei fuer ein Nachtragsspiel mitten in der Woche gegen einen niedriger klassierten Gegner. Unsere Plaetze sind perfekt. Hinterste Publikumsreihe des unteren Ringes, direkt auf Hoehe der Mittellinie, vor uns die Spielerbaenke und in unserem Ruecken nur noch die Radioreporter, welche sich immer zu zweit um ein Mikrophon draengen und schon vor dem Spiel eifrig die aktuelle Situation und Hintergrundinfos durch den Aeter geben.
Das Spiel beginnt puenktlich auf die Sekunde, auch wenn im ganzen Stadion keine Uhr zu sehen ist. "Unsere" Mannschaft stuermt gleich los gegen die Gaeste aus Manta, einer Stadt in der Mitte der Pazifikkueste Ecuadors. Schnell wird die Uebermacht sichtbar, die Hellblauen fast ausschliesslich defensiv in ihrer eigenen Haelfte, versuchen jeden Schubser in eine Karte gegen die Gastgeber zu wandeln. Mit gequaeltem Gesicht liegen sie Minutenlang am Boden herum, drehen und winden sich, bis das Elektromobil am Spielrand mit seiner Bahre und vier behelmten Rotkreuzhelfern im Schlepptau antraben. Kaum aus dem Spielfeld heraus gekarrt, huepfen sie auf und ab, winken dem Schiri, um moeglichst schnell ins Spiel zurueck kehren zu koennen.
Dieses Verhalten bringt ihnen nicht die ungeteilte Sympathie ein. Waehrend dem die Fankurve von erster bis letzter Minute lautstarke Gesaenge verbreitet, melodioeser als mir von uns bekannt und kaum abhaengig vom Spielverlauf, speien die Sitzkartenhalter Fluchwoerter aufs Gruen. Ein besonders engagierter junger Mann rechts von mir gibt Jasmin und mir eine eindrueckliche Lektion in "richtig Fluchen auf Spanisch". Saca tarjeta, saca Salas (Spitzenspieler der eigenen Mannschaft, leider mit einem Fehlpass), saca el ignorante, simulante, saca hijo de puta, oder auch nur puta, letzteres meistens gegen das Schiedsrichter Trio.
Das erste Tor faellt, die Fankurve spurtet die Tribuene hoch und runter, auf dem Dach in der Kurve gegenueber wird von Hand die Plastiktafel des mit Neonlicht beleuchteten Kastens gewechselt, die "U" fuehrt 1:0. Hinter uns ziehen die Radioreporter das Wort Goal schreiend jubelnd in die Laenge und verspruehen das sorgenlose Glueck, welches nur ein Sportanlass schenken kann.
So gegensaetzlich wie die Mannschaften auch die Trainer: Unser Mann im Anzug, schlotend, der andere im Trainer, Safarihut. Jedenfalls umarmen sich die beiden kurz nach Anpfiff der zweiten Haelfte, wir fuehren immer noch mit einem Tor. Eine Reihe vor uns sitzen drei Generationen. Grossvater, in einem Ohr ein Kopfhoerer eines Radios, daneben der Enkel mit Fernglas und Vater. Bruder des Vaters packt sein Lunchpaket aus und alle futtern genuesslich zwei bis drei Gaenge, Nuesse, Sandwiches, Riegel. Die zweite Haelfte ansonsten gleich wie die erste. Rechts von mir wird geflucht, ein Tor, zwei zu Null, trotzdem weiterfluchen, die beiden Cheerleader Gruppen versuchen vergeblich Stimmung in die Gegenkurve zu bringen, vielleicht lenken sie auch zu sehr ab? Die Stehplatzfans am singen und wie immer, so erklaert uns Edison, verlassen die weinrot gekleideten Schiedsrichter unter Polizeischutz, vier Mann mit Schildern, das Geschehen durch einen ins Spielfeld ragenden Stoffschlauch, lautes Fluchen links und rechts von mir.
Edison hat das Spiel nicht gefallen, zu lasch, fand er, zu destruktiver Gegner. Jasmin und ich wurden jedoch zu Fans der "U", fuer immer.
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