11.08.03 Polizei!  

 

phil - Unsere erste Begegnung mit der Polizei fand, abgesehen von der Grenzpolizei an den Flughaefen Zuerich und New York, bekanntlich schon am zweiten Tag unserer Reise statt. Damals an einem Mittwoch Vormittag, mitten in Queens zu Fuss unterwegs, wurden Jasmin und ich von einer Streife aufgegriffen und an den naechsten Bahnhof chauffiert, von welchem wir nach Manhatten fahren konnten. Das war es eigentlich auch schon von der amerikanischen Polizei. Sie sind zwar zahlreich und praesent, mindestens in den Gegenden, in welchen auch wir uns bewegten, doch gaben wir persoenlich nie einen Anlass, noch befanden wir uns ungewollt in einer Situation, in der die Gesetzeshueter aktiv haetten eingreifen muessen. Unser "Wohlfuehltempo" mit den beladenen Bikes liegt jedenfalls meistens unter der vorgeschriebenen Limite, an Stellen wo dies nicht zutrifft, hatten wir vielleicht einfach Glueck.
Grenzuebertritt zu Mexico, es wird foermlich. Uniform ist das falsche Wort, denn einheitlich sind sie nicht. Hier beginnt, was in ganz Latinamerika bis heute nicht aufgehoert hat. X verschiedene Uniformen, fuer alle moeglichen Arten von Polizei, zum verwechseln aehnlich mit den zahlreichen Sicherheitsdiensten, die auch alle ihr Gruppengefuehl zelebrieren. Policia Nacional, Strassenpolizei, Touristenpolizei, Landwirtschaftspolizei, Stadt-, Markt-, Busbahnhof- und weiss nicht was alles Polizei. Mal braun, mal schwarz, mal blau, mit Helm, mit Muetze, mit Reiterstiefeln auf Motorraedern, Fahrraedern (San Jose), zu Fuss, auf Pferden, eines haben alle gemeinsam: schwer bewaffnet. In Zentralamerika draengen sich oft zwei Polizisten auf eine kleine Yamaha DT 125, der vordere lenkt, Pistole im Halfter, der Kollege hinten stuetzt eine Pump Gun auf ein Knie auf.
Ganz grob und rein auf das aeusserliche Erscheinungsbild basierend, sind Unterschiede zu erkennen. Zum einen zwischen den Polizeiarten, zum anderen geographische Unterschiede. So gucken die Polizisten in den abgelegenen Gegenden Mexicos recht daemlich in die Welt und machen eher den Eindruck, ihre Existenz sei mehr einem staatlichen Arbeitsbeschaffungsprogramm als einem realen Beduerfnis zu verdanken. Mit der Naehe zu einem groesseren Ort wirkt das Personal der Exekutive auch geistig wieder wacher.
Ab Zentralamerika wurden die Kontakte mit Polizisten haeufiger bis oft. Grund sind die Strassenkontrollen, je nach Land immer je fuenf mal vor und nach der Grenze, auf der Touristenachse alle zwanzig Kilometer oder einfach jeden Morgen zwischen acht und zehn Uhr, ausgangs Dorf, so in Ecuador. Jasmin und ich werden praktisch immer und an jeder angehalten. Der Foermlichkeit Willen wird meistens nach dem Pass verlangt, manchmal auch nach dem Fahrzeugausweis. Aber eigentlich geht es um die Motorraeder und oft entsteht ein kurzes Gespraech ueber die Reise. Wir muessen ein wenig erzaehlen, was wir alles schon gesehen haben und machen ihnen eine spezielle Freude, wenn wir darauf hinweisen, wie sehr es uns in ihrem Land gefaellt. Diese Begegnungen sind meistens herzlich. Diejenigen, welche uns nicht anhalten, winken uns zu, lachend.

Nicht alle winken uns zu und lachen, kommen wir also auf die Regionalen Unterschiede. In den armen Laendern und Gegenden ist immer auch ein grosses Stueck Unsicherheit in dem Verhalten der Menschen in Uniform. Sie sind sehr zurueckhaltend und zaghaft, bestaunen Still, verlieren kein Wort und geben uns mit einem kleinen Nicken oder einer fluechtigen Handbewegung das Zeichen zur Weiterfahrt. Wir sind ihnen genauso fremd, wie sie fuer uns, und so gehen sie an uns vorbei, wie man auf einer Wanderung an einem Sennenhund vorbei geht, der da steht und sich nicht regt, aber irgendwie gefaehrlich da steht und der koennte sicher auch anders, wenn er wollte.
So einmal irgendwo in Mexico, die Motorraeder mitten im Halteverbot, ich daneben, Jasmin auf der gegenueberliegenden Bank am Check einloesen. Nach der roten Halteverbotszone die Gelbe, die fuer Kunden des anliegenden Geschaefts. Ein Fahrer kommt, stellt sein Wagen in dieser Zone an den bemalten Rand und verschwindet ebenfalls in der Bank. Ein Polizist beobachtet dieses regelwidrige Tun, kommt sofort an die Stelle der Uebertretung und schreibt ihm einen Strafzettel. Die beiden Motos und mich uebersieht er fast verkrampft und ganz sicher absichtlich.

Mit dem regionalen Wohlstand steigt auch das Selbstbewusstsein der Uniformierten und erreicht seinen bislang hoechsten Punkt in Ecuador rund um Quito. Die Polizisten an den morgendlichen Strassensperren sind allesamt Sylvester Stallone Replikas, Stil City Cobra. Nichts geht ohne die 80er Sonnenbrille mit schwarzen Glaesern in goldener Fassung. Kurze Saetze, die Worte klar von einander getrennt, so dass kein Fluss in der Sprache entsteht, der Klang befehlend. Als Zeichen zur Weiterfahrt immer eine schnelle und trockene Bewegung der flachen Hand, mit der Innenseite nach hinten, ueber die Schulter. Bei uns wuerde diese Bewegung, langsamer und legerer vollfuehrt, so was wie "scheissegal" bedeuten, in Ecuador heisst das einfach knapp, kurz und wortlos "weiter".
In Peru haben die Maenner (in Staedten auch Frauen) in einem Umkreis von ca. 400 km von Lima nicht ausnahmslos alle eine Sonnenbrille, dafuer ist das Dollarzeichen in den meisten Pupillen erkennbar. Die Kontrolle ist dann immer eine Suche nach Papieren, die wir hoffentlich nicht dabei haben, das Zeichen zum weiterfahren ein knirschen auf den Zaehnen.
Eines moechte ich klar festhalten: Unsere Busse bekamen wir zurecht, wir waren zu schnell, keine Diskussion. Dass sie uns mit groebsten Konsequenzen wie Fuehrerausweisentzug etc. drohten, kann ich juristisch natuerlich nicht beurteilen. Aus dem Gesetzesbuechlein, welches sie mir zeigen, verstehe ich nur, dass sie einen enormen Handlungsspielraum haben und ich aus Unkenntnis ihnen ausgeliefert bin. Wie ein Sektenprediger an der Haustuer, der erst das Unheil verkuendet, bieten die drei Schlawiner umgehend ihre Loesung an. "Wir koennen Euch helfen in dieser Situation", hiess es woertlich. Nur eine Busse fuer beide zusammen, jedoch der Hoechstsatz, kein Ausweisentzug dafuer die Summe bar auf die Hand, gerne auch Dollar und natürlich ohne Quittung. Wir koennen weiter.
Mit jedem Kilometer weiter weg von Lima, werden die Kontrollen wieder seltener, freundlicher, die Dollarzeichen verschwinden aus den Augen und wir sprechen wieder ueber das Fassungsvolumen vom Tank und nicht mehr vom Kaufpreis.


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