10.09.03 Warum?  

 

jazz - Ja, warum? Wurden unsere Hirnzellen auf den gut 30'000km Fahrt, die wir hinter uns haben, zu arg durchgeschuettelt? Faengt das Hirn vom vielen Helmtragen doch an zu schrumpfen? Oder ist es einfach das lange Reisen, das uns zu Verhalten leitet, die wir in der Heimat nicht kannten? Letzteres kommt der Wahrheit wohl sehr nahe. Tatsaechlich bringt es das Unterwegssein mit sich, Strategien, Verhalten und "Macken" zu entwickeln, die zwar im ersten Moment albern scheinen, das Weiterkommen aber durchaus positiv beeinflussen! In der folgenden Auflistung einige typische Warums der Reise und deren Antworten.

Warum gehen Phil und ich bewusst mit den zum Laufen eher unbequemen Motorradstiefeln an den Dorfmarkt? Es ist nicht, weil wir nicht schon wieder in Ohnmacht fallen wollen wegen der jeweils ausstroemenden Duefte beim Ausziehen dieser zweiten Haut. Nein. Wir tragen sie zum Markt, weil sie dort von einem der immer zahlreich anwesenden Schuhputzer gewaschen, neu gefaerbt, gewichst und auf Hochglanz polliert werden. Fuer die Lederstiefel eine Wohltat und fuer uns eine Investition, die sich auszahlt.
Warum kaufen wir, beide kurzhaarig, jede Menge Shampoo? Gleich zwei Begruendungen fuer dieses Warum: 1. Shampoo kommt von seiner Zusammensetzung her dem Waschmittel fuer Waesche am nahesten und eignet sich also bestens fuer Handwaesche (und ist in vielen Laendern viel preisguenstiger als die in meist rosa Tuben angepriesenen Mittel eigens fuer Handwaesche) 2. Mit dem Motorrad unterwegs sein heisst Gepaeck sparen wo nur immer irgenwie moeglich. Und ich moechte nicht mit Ariel Color Haare waschen...
Warum komme ich auf die Idee, im Internet bei Google.ch ueber die Erdnuessli nach zu lesen? Hier muss ich vielleicht etwas ausholen und erwaehnen, dass ich ein neugieriger Mensch bin und mich gerne informiere ueber das Wie, Wesahlb, Woher usw. einer Sache- besonders der Sachen, die ich fast taeglich brauche (mit der Frage nach der Herkunft des Wortes Laubsaegeli habe ich es bis zu einem Infoauftritt bei Radio DRS 1 geschafft). Auf den letzten 10'000km unserer Reise kauften wir fleissig Erdnuessli ein. Immer haben wir ein gutes Vorratssaeckli im Gepaeck. Wir kaufen die Nuessli frisch am Markt. Mir fiel auf, dass die Schalen der Nuessli mal in braunem, mal weissem, mal rotem Staubmantel stecken. Warum? Ja, wie wachsen den ueberhaubt diese "Nuessli"? In der Erde? Am Baum? Ehrlich, weisst Du es? Schau nach bei www.google.ch Erdnuss eingeben und der oberste Link ist die Erklaerung.

Warum bremsen Phil und ich bei einer Offroadstrecke vor einem 20 Seelendorf vom Durschnittstempo 30kmh auf 10kmh ab? Dafuer gibt es gleich drei moegliche Gruende: 1. Die Dorfsau und ihre 3 Jungen haben gerade herausgefunden, dass der Dreck auf der anderen Strassenseite noch dreckiger ist. 2. Der einzige Dorfbewohner mit Velo ist gerade mit diesem vor uns in die selbe Fahrtrichtung unterwegs, nimmt das ihm unbekannte Motorrengeraeusch wahr und kommt vor lauter Rueckwaerst lugen und staunen etwas von seiner Ideallinie ab. 3. Als haette es nicht schon genug Bodenwellen, Locher, Steine und Sandmulden auf der Naturstrasse- vor nicht wenigen dieser Doerfer bauen sie Dorfeingangs, -ausgangs und irgendwo in der Mitte, unsere seit Mexico wohlbekannten und beliebten Strassenschwellen!
Warum packen wir in manchen Hotels mit einem grossen Gluecksgefuehl unsere Schlafsaecke aus? Hygiene kommt einem da sofort in den Sinn. Zugegeben, kam auch schon vor, aber diese Situationen lassen sich an einer Hand abzaehlen. Der weitaus haeufigere Grund sind die Temperaturen! Auf mehr als 2000m (und auf dieser Hoehe und hoeher befinden wir uns die meiste Zeit), wird es nach Sonnenuntergang, also nach 18.30 Uhr, blitzartig empfindlich kalt. Und die Haeuser kennen keine Heizung. So haben wir im Schlafsack schoen warm, waehrend es im Zimmer gegen 5 Grad runter geht und draussen Minustemperaturen herrschen!
Warum kaufen Phil und ich Sonnenbrillen en masse ein (beide jeden Monat eine neue!)? Eine neue Sammlermacke? Nein, natuerlich nicht. Tatsache ist, dass die Sonnenbrillen, fast taeglich getragen, arg in Mitleidenschaft gezogen werden (besonders die Scharnierstellen auf beiden Seiten), wenn wir sie uns von der Nase reissen bevor wir den Helm ausziehen und- noch schlimmer- wenn wir sie, die Buegel, die hinter die Ohren sollten, muehsam irgendwie zwischen Futter des Helms und Stoff des Kopfparisers quetschen!
Warum Handcreme kaufen und nicht die Haende damit einreiben? Die Antwort liegt erneut beim, bzw. am Helm. Ich fette den Dichtungsring am Visier regelmaessig mit Handcreme ein, damit er nicht eintrocknet. Kleinlich? Jeder Motorradfahrer wird mir beipflichten, dass es nichts schlimmeres gibt, als ein undichtes Visier (Beschlagen, reintropfen, reinwindenSand, Staub, Laerm...)!
Weshalb tanken wir mindestens einen unserer Seitentanks in Bolivien strickte nicht auf? Ein Eintauchen in die Asymetrische Phase? Kaum. Es ist unser einziges Bleifreies Benzin das wir noch haben (in Bolivien bekommt man nur verbleites) und unser Bezinkocher wuerde eine Bleiattacke nicht ueberstehen!
Warum brauchen wir WD 40 zum Kochen? Weil es auf Reisen so wichtig ist, wie das Salz in der Suppe? Fast! Wir oelen damit die Gelenke der Brennerbeine, wir schmieren den Sand in den Scharnieren der Sackmesser- ueberhaupt spritzen wir dieses Wundermittel in jede nonbiologische Ritze- und es hilft immer!
Warum suchen Phil und ich in Santa Cruz, Bolivien ein Reisebuero nach dem anderen auf? Naja, wir haben das GPS (und darauf auf den letzten 700 km durch das Land gemerkt, dass die Detailkarte zwar schoen ist, nicht aber der Lage der gefahrenen Strassen entspricht) das GPS also, eine unbrauchbare Karte in unserem fuer Bolivien absolut untauglichen Reisefuehrer (Lonly Planet, Suedamerika), eine Landkarte die wir in La Paz auftrieben und eine Landkarte die wir in Santa Cruz kauften. Wir suchten den Weg zur Hauptstadt Sucre. Alle 4 Karten zeigen verschiedene, sich nicht deckende oder nur zu Teil uebereinstimmende Strassen. 530km, zur Hauptstadt. Wir wissen eigentlich nur die Distanz und dass die Strecke nur zu gut einem Drittel Asphaltiert ist. Wo also fahren wir durch? Welche dieser eingezeichneten Naturstrassen ist die beste? Wir wissen es nicht. Wer weiss es? Klar, die im Reisebuero- die schicken ja taeglich ihre Busse da durch!
Warum fahren Phil und ich immer mal wieder mit dem Bus? Haben wir genug vom Toefffahren? Ich kann euch versichern, dies ist nicht der Grund! Es kommt vor, dass unsere Bikes zum Service in irgendeiner Garage stehen und da uns vom Stehenbleiben die antrainierte Hornhaut am Hintern wegschmelzen wuerde, unternehmen wir in dieser Zeit gerne Ausfluege- warum nicht mit dem Bus. Es kam auch schon vor, dass wir eine Strecke mit dem Bus machten, weil wir unbedingt wohin wollten, wo wir mit den Bikes nie angekommen waren (meist eine Frage und Antwort der Pneus, Muskelkraft und restlicher Ausruestung).
Und warum nun kaufe ich eine Zeitung, obwohl ich genau weiss, dass ich sie nie lesen werde? Im Hotelzimmer warten 2 Paar nasse Stiefel, die morgen trocken sein sollten. Ich kann weder die Stiefel unter die Heizung im Bad stellen (habe weder Bad noch Heizung), noch kann ich zum Altpapierstapel in meiner Kueche greifen (Küche? Altpapierstapel?)! Eine neue Zeitung also.
Und warum habe ich ueberhaupt nasse Stiefel? Zu innig putzen lassen? Nein, da waren doch diese 8 Stromschnellen in diesem Flussbett, wo wir, den Motor, die Boxen und eben auch unsere Beine bis hoch uebers Knie im Wasser, uns durchkaempften.
Warum fahren wir denn durch ein Flussbett? Die eben mit viel Freude erreichte asphaltierte Strasse wurde Zwecks weiss ich nicht was gesperrt und die Umleitung fuehrte nun mal fuer 8km durch dieses Flussbeet. Und Warum "Die eben mit viel Freude erreichte asphaltierte Strasse"? Ganz einfach: wir waren schon seit gut 9 Stunden, sprich 200km Offroad (Du erinnerst dich: Durchschnittsgeschwindikeit 30kmh, bzw. abbremsen auf 10 kmh fuer die Dorfsau und Strassenschwellen), 9h also, 200km Offroad und dann endlich Asphalt fuer die noch fehlenden 40 km bis zum Etappenziel (der Hauptstadt des Landes!). Und dann, kurz vor dem Ziel, ein Flussbeet, 8 Stromschnellen, ein Sumpfloch, ein Hinterrad steckt darin- meins! Ein hilfbereiter Bolivianer, seine rechte Wange ausgebeult vom Cocablaetterkauen wie bei uns ein Trompetenspieler in Aktion, und dann ein heftiges Hauruck!
Und wer denkt, nach all diesen Geschichten folge nun das eigentliche "Warum", der irrt!


top
Tagebuch