21.09.03 Das Schreibloch  

 

phil - Ach, jammer, es ist schon zehn Uhr abends, die letzte Nacht vor dem Abgabetermin und mir fehlt jeglicher Ansatz fuer einen Text. Abermals kehre ich die Socken, gehe ins Schlafzimmer und foerdere die Hirndurchblutung indem ich mich in den Kopfstand begebe.

So aehnlich lauten immer wieder Texte, vornehmlich von Kolumnisten, welche ihre Not auf dem Buckel der Leser zum Thema machen. Solange das nicht zu oft vorkommt, sei ihnen allen verziehen. Im vollen Bewusstsein ihres Tuns verlangen wohl auch die wenigsten nach Applaus, wenn sie mehr oder weniger gekonnt zum Joker greifen. Glatzen unter den Schriftstellern sind wohl auch mehr genetisch als durch Kopfstand bedingt. Diese Theorie wird durch die einseitige Geschlechtsaufteilung der Glatze erhaertet.
An dieser Stelle erinnere ich mich an eine Vorlesung von Kishon an seinem Feriendomizil, in Urnaesch, einem Dorf dessen Einwohner stolz sind auf das starke Traditionsbewusstsein. Der in die Tage gekommene Mann auf der Buehne plappert unablaessig aus dem Stehgreif vor sich hin, laesst keine Moeglichkeit aus, auf sein grossartiges Lebenswerk hinzuweisen, lobt die Sonnenkinder Israels, die im guenstigen Klima - da kann er nur das Wetter meinen - alle so schoen und gross geworden seien, was sie schlussendlich doch nicht davor wahrt, Exgenerale zum Praesidenten zu waehlen. Das vielfaeltige Programm wird dadurch abgerundet, dass er Witze ueber seine Gastgeber, den Einwohnern des Kantons Appenzell, erzaehlt. Zwischendurch komme ich mir vor wie bei Otto Waalkes, der auch nur noch alte und abgestandene Witze rezitiert. Als nach weniger als einer Stunde Schluss war mit lustig, sind Buh- Rufe vermutlich mehr aus Respekt vor seinem Alter, als vor seiner Person ausgeblieben. Die Antwort meiner Mutter, welche auf sein Fragen hin ehrlicherweise gesagt hat, dass in den hinteren Reihen nicht alles gehoert werden konnte, veraergert ihn und er wendet sich sofort den anspruchslosen Fans zu.

Nein, mein Schreibloch hat nichts mit einer Ideenlosigkeit zu tun. Das Loch, das da klafft, ist mehr Lustlosigkeit als Demenz. An Ideen mangelt es nicht, mindestens zwei Texte stehen noch an. Die Lage erweist sich als viel schlimmer, ein Text liegt schon angefangen herum. Fragmente vom zweiten bestehen in meinem Hirn und auf Notizblaettern. Was fehlt ist das Zusammensetzen der Puzzleteile.
Der eine Text befasst sich mit unserem Reisetempo, welches immer wieder Anlass zu Diskussionen gibt, da von vielen als unheimlich schnell empfunden. Darin erstelle ich wissenschaftliche Theorien und Regeln, versuche so zu erklaeren, wie es kommt, dass wir "so schnell" sind. Der zweite Text steht im Kontrast zum ersten und schildert die kraftlose Verzweiflung wenn gegen Ende einer Etappe etwas Unverhofftes die eigenen Grenzen in Sichtweite bringt.
Woher denn diese Lustlosigkeit? Ein erstes Anzeichen von modernder Faulheit? Schon seitdem wir Zuerich verlassen haben fuerchte ich mich vor Verbloedung. Angenommen mit dem Hirn verhaelt es sich wie mit einem Muskel, dessen Leistungsfaehigkeit durch ausbleibendes Training abnimmt, so habe ich allen Grund zu bangen. Ich gestehe, dass ich von dieser fatalen Annahme vollkommen ueberzeugt bin und fuerchte mich vor den Konsequenzen. Immerhin reicht der Stand-by Modus noch knapp zu dieser Erkenntnis und meine Absichten sind fuer sie, die zu Hause fleissig in den Hirnwindungen turnen, natuerlich offensichtlich: Mit meinem Gestaendnis setze ich mich selbst unter Druck, nicht immer nur den Motor des Motorrads, sondern den eigenen anzuwerfen.
Geschaetzte Leserin, werter Leser, ich ende an dieser stelle, ich habe zu tun.


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