27.09.03 Unsere Reise, eine Rally?  

 

phil - Schon vor Antritt unserer Reise waren die Reaktionen auf unsere Planung meistens von Staunen begleitet und nicht wenige aeusserten ihre Skepsis betreffend der Zeitrechnung. Einige dieser Stimmen sahen uns nach den nun vergangenen fuenfeinhalb Monaten immer noch in den USA herumfahren, andere erwarteten uns nach dieser Zeit als Pflegefaelle in der Schweiz zurueck, abgemagert und eingefallen, einsichtig, haetten diese Leute dann wohl gesagt.

Waehrend der Reise nun treffen wir gelegentlich auf andere Motorradtouristen. In jedem anderen Text wuerde ich an dieser Stelle eigentlich von Gleichgesinnten schreiben, unter diesem Titel ist das allerdings nicht ganz korrekt. "Seht ihr denn ueberhaupt etwas?" bis "Wird euch das nicht zu viel?" deckt das Spektrum mit immer dem gleichen O-ton ab. Manchmal klingen diese Bemerkungen bewundernd, bei ungleichen Paaren auch mal neidisch, bei einigen schwingt etwas Verachtendes mit.

Diese Begegnungen regten Jasmin und mich immer wieder dazu an, uns Gedanken ueber die von uns gewaehlte Reiseform zu machen. Wir fuehlen uns pudelwohl mit dem angeschlagenen Tempo, im Gegenteil, wir bekommen die Krise, wenn wir der Meinung sind, nicht recht weiter zu kommen. Es ist ein tolles Gefuehl, ein Ritt auf einer Welle, wenn der aeussere und innere Takt gleichsam schwingen. Doch die Situation, dass wir einer Mehrheit gegenueber stehen, veranlasst uns, zu hinterfragen, ob unsere Ziele nicht auf einem grundsaetzlichen Irrtum beruhen. Noch haetten wir die Gelegenheit, etwas zu aendern. Weshalb schalten wir nicht ein paar Gaenge zurueck und tingeln die naechsten, sagen wir mal 20 Monate, durch die Gegend?

Angenommen sie sind sich ueber die Wahl des oder der Reisepartner und des Fortbewegungsmittels im klaren. Die Reise besteht weiter grob aus den folgenden Komponenten: Geld, Zeit und Zweck. Ist der Zweck beispielsweise die Besteigung des Mount Everest, gehen sie in ein Reisebuero und ihnen wird gesagt, wieviel Zeit das benoetigt und wieviel das kostet. In der Regel setzen sie eine dieser Komponenten als das zu erreichende Ziel fest und versuchen die verbleibenden zwei Komponenten zu optimieren, wobei dafuer individuelle Kriterien wie Sicherheit, Qualitaetsanspruch etc. eine Rolle spielen. Sind sie der Mount Everest Fall, so suchen sie vermutlich nach dem Angebot, welches nach ihrem Geschmack ablaeuft, das heisst in ihrem Tempo da hoch geht, ihrem Anspruch an Komfort usw. gerecht wird. Sind zwei Angebote absolut gleichwertig, so buchen sie das guenstigere.
Bei den meisten Motorradreisenden ist das Geld die festgelegte Komponente und es wird versucht, mit dem gegebenen Geld moeglichst lange Zeit unterwegs zu sein. Im Gespraech mit den meisten dieser Leute werde ich jedoch jeweils den Gedanken nicht los, dass sie entweder etwas suchen, oder vor etwas fluechten. Diesem Aussteigertum haftet etwas romantisch, wildes, abenteuerlustiges an. Doch wenn diese Personen mit eingefallenen Gesichtern und zerkratzten Haenden davon erzaehlen, dass sie selbstverstaendlich mit dem Fahrzeug durch Kolumbien gefahren seien, tut es mir leid, dass sie im erwachsenen Alter noch immer den Drang haben, irgend wem irgend etwas beweisen zu muessen.
Kurzer Einschub zu Risikoeinschaetzung: In Bezug zu den vor einigen Wochen frei gelassenen Algerientouristen wurden wir von mehreren Seiten darauf angesprochen, ob wir mit unserer Afrikaroute nicht zuviel riskieren. Den Medien habe ich entnommen, dass es sich bei den entfuehrten Personen um erfahrene Wuestenfahrer handelte, die schon viele mal im Hinterland Algeriens umher gefahren sind. Nun, ich kenne weder Afrika als ganzes, noch Algerien im speziellen, doch lassen sie mich folgenden Vergleich anfuehren: In Ecuador in den Anden habe ich bis anhin die furchtlosesten Autofahrer erlebt. Da wird ueberholt und es werden Kurven geschnitten, dass es ihnen im Helm die Haare zu einem Irokesenkamm aufrichtet. Mehrmals pro Etappe teilen sie sich in einer Kurve ihre Spur mit einem entgegenkommenden Fahrzeug. Was denken sie von einem solchen Fahrer, wenn dieser doch wahrheitsgetreu behauptet, dass die letzten hundert mal doch auch nichts passiert ist? Nun, Jasmin und ich ueberholen nur an Stellen, die wir einschaetzen koennen. Und wir sind selbstbewusst genug, die ganze Fuhre schon von Namibia wieder nach Hause zu senden, wenn durch die politische Lage mit einer erhoehten Eintrittswahrscheinlichkeit eines Schadensereignises zu rechnen ist.

Zeit ist auf unserer Reise nicht die bestimmende Komponente. Natuerlich versuche ich nun, das Wort aussteigen zu vermeiden, doch in der heutigen Zeit gibt kein Arbeitgeber mehr Garantien auf eine so lange Zeit, falls das ueberhaupt einmal der Fall gewesen sein sollte. Zeit, die wir jedoch benoetigen, um unser Ziel zu erfuellen.

Damit zum Fall, bei dem das Hauptziel der Reise einen Zweck zu erfuellen ist. Eben den Mount Everest zu besteigen, oder als weiteres Beispiel, das studieren der Musikgeschichte indogener Voelker der Anden. Nicht lachen, das kann ganz spannend sein. Doch fahre ich dann sicher nicht mit dem Motorrad von New York her in die Hochebene.
Was ist also unser Zweck, welches Ziel verfolgen Jasmin und ich? Wir wollen die Welt "erfahren". Wollen vor einer Weltkarte stehen und mit dem Finger die gefahrene Strecke, die selbst gefahrene und erfahrene Strecke zeigen koennen. Ich moechte das Wetter spueren, die Luft riechen, die Leute in den vergessenen Winkeln der Erde fuehlen. Ich liebte den Moment, in dem wir den Continental Divide (USA) ueberquerten. Auf die eine Seite fliesst das Wasser in den Atlantik, auf der andern in den Pazifik. Das ueberfahren der Wendekreise, des Aequators, das ueberfahren des Panamakanals. Das sind Ereignisse von denen meine Augen zu leuchten beginnen. Und dabei schere ich mich im groben einen Dreck um Jahreszeiten und den Bekanntheitsgrad einer Ortschaft. Und wenn es im September stuermt und regnet, so ist das toll! Ja, ich war dann da. Es hat gestuermt, es hat geregnet, wie es nur hier stuermt und regnet! So what? Den Moment geniessen, weil er so nicht wieder kommt.
In Texas hat es mich fast vom Sockel gewindet. Das kann tun da, mitten in der Steppe, wobei alles so friedlich aussieht. Einmal in Mexico, kleines Kaff. Wir moechten einen Traveller Check einloesen und betreten deshalb die Ortsbank. Eine lange Schlange von Maennern steht vor uns fuer den Schalter an. Alle haben ein Geldsaeckchen in der Hand, es ist der erste Montag des neuen Monats, die Arbeiter tragen ihren Lohn zur Bank. Das ist absolut phantastisch, unvergesslich. Moechte ich saemtliche Touristenattraktionen bei Idealbedingungen, so schiebe ich mir zu Hause doch besser einen Video rein. Bequem und in Muttersprache. Handelt es sich um eine schlaue Produktion, so erfahren sie dabei mehr, als auf einer der zahlreichen miesen Fuehrungen von irgendwelchen Touragenturen vor Ort.
Zudem glaube ich an die begrenzte Aufnahmefaehigkeit des Menschen. Wenige sind wohl in der Lage, mehr als drei Monate neue Eindruecke in einer hohen Kadenz aufzunehmen und zu verarbeiten, ohne dass sich Erinnerungen verwischen, durchmischen oder ganz verloren gehen. Wenn sie waehrend sechs Monaten keinen Nationalpark auf dem Weg auslassen, so werden sie irgendwann nicht mehr wissen, wo sie nun genau dieses Tier gesehen haben, das mit den langen schwarzen Ohren oder waren es nun doch die Braunen ohne Schwanz?
An dieser Stelle moechte ich auch einmal eine Lanze brechen fuer alle diejenigen, die vor einer verlotterten Missionskirche stehen und sich fragen: Wann faehrt der Bus zurueck? Waehrenddem ich von den USA absolut positiv ueberrascht war, wie gut organisiert, gepflegt und informativ die Nationalparks sind, so kann ich ueber einen grossen Teil latinamerikanischer Sehenswuerdigkeiten nicht viel gute Worte verlieren. Dazu noch eine Vorgeschichte: Schon seit ich mich erinnern mag, hatten mich meine Eltern durch Europa gefuehrt. Immer mit dem Zug unterwegs, wir besassen kein Auto, keine laengste Seilbahn, steilste Zahnradbahn oder groesstes Dampfschiff, mit welchem ich nicht schon gefahren bin. Dafuer bin ich ihnen fuer immer dankbar. Dabei keine praehistorische Ruine oder neuzeitliche Kirche ausgelassen. An keinem Amphitheater oder Pfahlbauresten vorbei gefahren. So habe ich unter anderem folgendes gelernt: Zu unterscheiden. Deshalb masse ich mir eine gewisse Urteilsfaehigkeit an. Was teilweise in Suedamerika aufgetischt wird, ist laecherlich. Inkaruinen, wie eingefallene Steinhuetten im Tessin, welche noch nicht von einem deutschschweizer Lehrer wieder aufgebaut wurden.
Jasmin und ich versuchen einen Mittelweg zu gehen, der uns Abwechslung bringt. Fahrstrecken werden in gewaehltem Masse von kulturellen Taetigkeiten unterbrochen. Das Ergebnis ist die Reise wie sie dokumentiert vor ihnen liegt.
Um das erwaehnte Ziel zu erreichen, berechneten wir Kosten und Zeitaufwand. Und gerade das Wissen um ein geplantes, zeitliches Ende macht fuer mich jeden Tag speziell und besonders wertvoll. Denn bald wird diese Zeit des Reisens eine Erinnerung sein, ein Projekt auf welches ich mit Freude und Stolz zurueck blicken kann.

Seit vier Tagen an einem Ort. Jeden Abend bellt der Hund nebenan von Sonnenuntergang an, etwa halb sieben, bis exakt zehn Uhr zehn durch. Bin ich froh, geht es morgen weiter! Neuer Ort, neuer Hund.


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