| |
phil - 4x4 wird mehrheitlich interpretiert als "vier mal vier" und im Allgemeinen versteht der moderne homo oeconomicus darunter ein allradgetriebenes, vierraedriges Fahrzeug. Mitsubishi setzt fest auf die Wirksamkeit langjaehriger autoindustrieller Werbebotschaften und verkuendet deshalb in Latinamerika auf riesigen Plakatwaenden, welche nebst Muell immer groessere Ortschaften ankuenden, dass "4x4 nicht 16 ist". Zahlenmenschen wie mich spricht das sogar an, immerhin erinnere ich mich an diese Plakate, uebrigens genau so wie die von Dodge ("grab life by the horns"), Iveco (ich kaufe mir demnaechst ein Lastwagen) und das riesige, leuchtende, doch leider nicht existiernde Schild "eat here" vor dem Restaurant mit dem "real american" Kartoffelsalat "you would die for", von dem uns eine Bekanntschaft mit strahlenden, blinkenden Augen in Oregon erzaehlt hat. Nun, wir haben das Restaurant nicht gefunden, doch ich halte meine Hand ins Feuer, dass im Geiste des Mannes das groesste und schoenste Schild ueberhaupt den besten Kartoffelsalat der Welt ankuendigt.
Tiefer im Kontinent, dessen Bewohner alle diese neue Sprache zu sprechen haben und vielleicht deshalb Bezeichnungen fuer "Tankstelle", "Kneipe" oder "Lebensmittelladen" mit jeder Grenze aendern, bedeutet das x zwischen zwei Zahlen auch nicht mehr "mal". Im Geschaeft stehend halte ich ein Multipack Nastuecher in den Haenden und wundere mich, was die Aufschrift "3x2" bedeutet, wo doch 12 Einzelpackungen enthalten sind, das ganze kostet 6.60 einer Waehrung. Krampfhaft suche ich nach einer Erklaerung, berechne alle moeglichen Kennzahlen, vom Durchschnitt bis zur Quersumme, bis ich erkenne, dass das Dutzend aufgeteilt ist in 3 Buendel an 4 Packungen. Somit bedeutet das 3x2 nicht sechs von irgendwas, sondern 3 fuer 2. Das "x" bedeutet "fuer", "x" als der Liebhaber aller Konsumenten. Wie im mathematischen "x" steckt auch in diesem ungeahntes Potential, Freude, Leben. Stellen sie sich vor, sie bezahlen zwei Tafeln Schokolade und die Dritte, welche sie gratis, geschenkt!, dazu bekommen haben, rettet sie vor dem Hungertod?
Heute bekamen wir "2x1", ungewollt und irgendwie nicht verbraucherfreundlich. Die Guezli - Ohrfeigensituation hat gnadenlos zugeschlagen, auf eine Art, dass es mir weh tut. Nach anstrengender Fahrt sind wir an der Grenze zwischen Argentinien und Chile auf Feuerland angekommen und fragen im einzigen Hotel vor Ort nach dem Preis. "Fuenfunddreissig US Dollar", hiess die Antwort. Erfahrungsgemaess ist es immer ein ganz schlechtes Zeichen, wenn als Preis USD genannt werden. Zum einen koennen sie davon ausgehen, dass nur der Preis, nicht aber der gebotene Standard nordamerikanisch ist und sie beim Umrechnen auf Landeswaehrung, in der sie zu bezahlen haben, gleich nochmals ueber den Tisch gezogen werden. Jasmin und mir erschien das zu viel Geld und die Buerde in der Kaelte weiter zu fahren als das kleinere Uebel. So gings nochmals etwas mehr als hundert Kilometer ueber eine Kiespiste bis zum naechsten Dorf. Nun wirklich ausgekuehlt und muede von den sieben gefahrenen Stunden blieb uns nichts mehr als ein mattes Knattern auf den Stockzaehnen, als wir zum Preis von umgerechnet sechsunddreissig US Dollar ja sagten. Mitlerweilen kennen sie mich und koennen sich vorstellen, dass selten ein heisses Bad so gut getan hat, eine Portion Pasta so fein geschmeckt hat, wie an diesem Abend. Da stoerte es auch nicht, dass auf allen fuenf empfangenen Mittelwellensendern Fussball uebertragen wurde, immerhin haben wir ein Goooooooooooooooool!!! live miterlebt.
Am naechsten Morgen, also heute frueh um sieben Uhr dreissig, bekommen wir von der Senora des Hauses, welche extra fuer uns aufgestanden ist und noch im Morgenrock steckt, ein landesueblich mickriges Fruehstueck serviert, damit wir die Faehre ueber die Magellanstrasse zurueck auf das Festland erwischen. Draussen ist es eisig kalt, die Motorraeder sind von Reifen bedeckt, doch gluecklich und frohen Mutes machen wir uns auf die Socken. Mir ist feierlich zumute, versuche die schoenen Erlebnisse auf der romantisch wilden Insel zu rekapitulieren und zu einem tragbaren Paket aus Bildern, Geruechen und anderen Empfindungen zusammen zu schnueren. Kurz vor dem Hafen kommen uns Lastwagen und Autos entgegen, ein Zeichen, dass die Faehre schon angelegt hat und dass wir uns beeilen muessen, um die Rueckfahrt nicht zu verpassen, ansonsten wir anderthalb Stunden zu warten haetten. Da vergisst man schon mal die halb eingefrorene linke Hand, legt sich noch etwas mehr gegen den Wind aus der genannten Seite und steigert das Tempo. Sekunden bevor die Faehre loslegen wollte kamen wir am Pier angerast, die Sperre wurde fuer uns nochmals geoeffnet und wir durften noch mit auf den Kahn. Welch Glueck!
Nach kuerzester Zeit, wir haben die Helme noch nicht abgezogen, eine riesen Aufregung, etliche Maenner stehen um uns herum und quatschen unkoordiniert auf uns ein. Der Kapitaen setzt sich durch und erklaert uns, dass er Meldung bekommen haette, dass wir die Hotelrechnung vergangener Nacht nicht bezahlt haetten. Kurze Hektik bei mir, ich bin es mir nicht gewohnt, als Betrueger hingestellt zu werden. Offensichtlich erscheinen wir dem Scheff glaubwuerdig, als wir detailliert den ganzen Ablauf vom Vorabend erklaert hatten, dass Jasmin mit zwei fuenfzigern argentinischer Waehrung bezahlt hat, nachdem sie sich den Weg zum Supermarkt beschreiben und den Fahrplan der Faehre geben liess, von der Senora des Hauses, versteht sich. Mit zehn Minuten Verspaetung legen wir ab und am anderen Ufer meint der Kapitaen noch, den es ohnehin nichts angeht, alles sei gut. Erleichtert fahren wir weiter und kommen nach einer weiteren halben Stunde Schraeglage gegen den Wind erneut an einen Grenzuebergang, nun wieder zurueck auf das argentinische Festland. Auf der chilenischen Seite wartet ein Polizist auf uns und macht uns klar, dass wir nicht ausreisen duerften, bevor wir nicht die offene Hotelrechnung bezahlten.
Und nun? Fahren wir zurueck um aus der Senora ein Gestaendnis zu pruegeln, die sich mit Jasmin am Telephon einig war, dass sie bezahlt hat, dem Polizisten Sekunden spaeter aber das Gegenteil erzaehlte? Zweihundert Kilometer in eiseskaelte, drei Fahrstunden hin und zurueck, nochmals zwanzig Dollar fuer die Faehre ausgeben, die Benzinkosten noch dazu? Bekommen wir dann eine Quittung, von denen es in Chile auf Anfrage immer heisst "mas tarde, mas tarde", spaeter? Komplett verarscht habe ich mich gefuehlt, als wir dem Polizisten nochmals hundert argentinische Pesos bezahlten. So mies wurde ich auf der Reise erst ein mal, an der Grenze zu Guatemala, betrogen. Mir ist zum weinen zumute, als auf dem schwer lesbaren Fax der "Quittung" an die Grenzstation, deutlich zu erkennen ist, dass es sich um eine aeltere Rechnung handelt und das Datum ueberschrieben wurde. Zweiundsiebzig Dollar steuerfrei - so geht das. Eigentlich koennte ich bruellen und schreien, doch sind die Grenzbeamten sicher die falschen Zuhoerer. So bleibt mir nichts anderes uebrig, als mein Empfinden gesittet zu formulieren, so gut oder schlecht wie das fuer einen Zahlenbegabten in einer Fremdsprache geht. Es ist die verdammte Ohnmacht am kuerzeren Hebel zu sitzen.
Chile sticht nicht als grausam Gastfreundlich aus der Menge, zu oft wird man als Touri im Supermarkt in einer Schlange stehen gelassen und von Einheimischen umgangen. Der Vorfall heute stellt alle diese kleinen Allueren in den Schatten. Ist es Eifersucht? Verkoerpern wir den so sehr gewollten Traum vom westlichen Leben, dass es weh tut, da man spuert, dass man noch so elend weit davon entfernt ist?
Seien sie freundlich zu Fremden in ihrem Land, glauben sie mir, es ist ein Zeichen von Staerke!
top
|