15.10.03 Ein halbes Jahr unterwegs - (m)eine Bilanz  

 

jazz - Da sitze ich nun, nach ueber 35'000km Strasse, nach 26 Wochen Motorrad, Helm, Stiefel und Handschuhe und fremde Sprachen, nach 180 Tagen dem Wetter ausgesetzt sein, da sitze ich nun also in der Pampa. Tatsaechlich in der Pampa; die Region hier in Argentinien heisst Pampa. Sitze ich wirklich, also sprichwoertlich meine ich jetzt, sitze ich in der Pampa?

Nein, natuerlich nicht. Obwohl, was heisst "Pampa"? Heisst dies Einoede? Langeweile? Nichts los? Nichts zu tun? Nichts zu sehen, hoeren, unternehmen? Oh ja, dann gab es da ganz bestimmt einige Momente und Situationen, wo ich in DER Pampa war! Ich erinnere an ueber 3000km Wuestenfahrt in Peru, oder den defekten Kuehler von Phils Bike irgendwo, eben in der Pampa von Chile. Oder all diese "Doerfer" und "Unterkuenfte" in Bolivien, wo vor Kaelte gar nichts lief ausser meiner Nase! Aber, ganz ehrlich, dies sind natuerlich auch die Situationen, die meine Reise zu einer einmaligen Sache formen. Zu etwas, dass ich nur auf einer solchen Reise erleben kann. So nach dem Motto: gut ist es vorbei, noch besser ist, dass ich es nicht nochmals tun muss und das Beste ist, ich habs tatsaechlich erlebt!
Und aus genau diesen Situationen habe ich auch meine wichtigste Lehre gezogen. Jetzt schon, obwohl die Reise noch gar nicht zu Ende ist: Wie oft bin ich, meist mit einem Anliegen, in den 0815 Alltag eines Einheimischen oder eines Menschen in der CH (egal wo) geplatzt? Und wie oft ist mir mein Gegenueber "unbrauchbar", kurz angebunden begegnet- weil es an Einfuehlungsvermoegen fehlte. Ich bin mir sicher, dass dieses "Sich nicht Einfuehlen koennen" in den seltesten Faellen boese gemeint war. Es geschah vielleicht manchmal aus einer Faulheit heraus, meist aber wohl einfach aus einem Unvermoegen. Das Unvermoegen, fuer 5 Minuten ueber seinen 0815 Alltagsschatten hinaus zu springen. Solche Situationen machten mir die Reise oft schwerer als noetig. Es konnte richig muehsam sein. Zum Beispiel wenn wir in den Hotels immer das oberste Zimmer zu hinterst bekommen. Sicher lieb gemeint, denn es ist das mit dem schoensten Teppich. Aber was ist mit unseren schweren Boxen und mueden Knochen. Oder wenn ich bei meinen Anrufen auf die Bank in die Schweiz jedesmal ueber die zentrale Serviceline gehen muss, da ich die Direktwahl nicht bekomme und jedesmal wenn ich dann verbunden werden sollte heisst es: besetzt! oder: gerade nicht da... . Solche Situationen konnten auch aergerlich sein. Zum Beispiel als ich der FedEx in die CH anrief, um mich nach meinem Paket zu erkundigen, sie meine Dingsbumsnummer wollte, ich diese im Hotelzimmer holen musste, ihr sagte, dass ich in 10 Minuten wieder anrufe und ich, als ich dies tat, nur noch den Anrufbeantworter erwischte mit dem FedExband, dass sie allen ein schoenes Wochenende wuenschen! Solche Situationen, sich nicht Einfuehlen zu koennen, konnten aber auch lustig sein. Zum Beispiel wenn ich in voller Toeffmonour in einem Tankstellenshop an der Autobahn in Chile an der Theke stehe und ernsthaft gefragt werde, ob ich meinen Tee hier trinken wolle, oder ob er zum mitnehmen sei!
Langer Rede kurzer Sinn, meine Lehre mundet in einem Vorsatz: Ich moechte mich in Zukunft besser in Menschen, besonders Reisenede oder Fremde, einfuehlen. Ich moechte mir die 5 Minuten Zeit nehmen und aus meinem 0815 Alltag heraustreten. Sich Einfuehlen hat, denke ich, fast automatisch mehr Hilfbereitschaft und somit Freundlichkeit zur Folge. Zwei Dinge, die unserer Gesellschaft gut tun. Und sollte ich auch zum Schluss kommen, meinem Gegenueber nicht helfen zu koennen, so wuerde ich dann ja mindestens ueberlegen, wen ich an seiner Stelle nun fragen wuerde- und schon habe ich doch geholfen.
Nun aber genug Lehrreiches und zurueck zur Pampa. Seit 6 Monaten unterwegs sein. Gibt es da sowas wie eine moralische, psychische Pampa? Ja, diese Momente gab es bei mir auch. Selten und kaum von langer Dauer. Anblick von Armut, das Erleben von Koruption, das Anstossen an koerperliche oder psychische Grenzen koennen Ausloeser fuer solche Sinneskriesen sein. Bis jetzt halfen aber eine gute Mahlzeit, eine heise Dusche, eine Muetze Schlaf oder ein Gespraech mit Philipp immer. Etwa nach drei Monaten Reiserei hatte ich, ganz unabhaengig von Ort, Menschen, einfach die Zeit machte es aus glaube ich, nach 3 Monaten hatte ich fuer laengere Zeit Muehe. Ich hatte genug gesehen. War satt. War noch nie so lange weg von zu Hause und musste mit dieser Situation irgendwie klar kommen. Viele Mails nach Hause zu Freunden und Verwandten, obwohl oft unbeantwortet, halfen mir. Und natuerlich meine Gespraeche mit Phil. Erlebtes loswerden. Loslassen von der Heimat. Und schon sind weitere drei Monate vergangen.
Und? Wieder im Elend? Nein. Ich habe mich ans Reisen gewohnt, an die taeglich neuen und taeglich wiederkehrenden Sachen. Und mental fuehle ich mich irgendwie aufgeraeumt. Ich habe auf dem Motorrad unendlich viel Zeit, in meiner Vergangenheit zu stoebern. Vieles habe ich nochmals durchlebt. Einiges mit Freude, bei anderem habe ich nochmals so richtig gelitten. Und so habe ich aufgeraeumt. Jeden Tag ein bisschen. Habe Platz gemacht fuer Neues. Und ich bin mir sicher, dass dieser Platz sich mit der Reise und meinen Erlebnissen hier nicht fuellen mag. Das Aufraeumen hat eine Art von Platz geschaffen, die groesser ist, die mehr ist als Raum. Platz fuer neue Aufgaben, neuen Effort im Beruf, im Leben zu Hause. Platz fuer mehr Zukunft irgendwie.

Ja, meine Zukunft, mein zu Hause. Seit wir in Ushuaia die Richtung gewechselt haben und wieder Richtung Norden fahren, seit da bin ich auf dem Heimweg. Ich weiss, ganz Afrika liegt noch vor uns. Und ich weiss, es wird Momente geben, da werde ich nochmals unendlich weit weg von zu Hause sein- und ich freue mich riesig darauf. Doch es taeuscht nichts ueber die Tatsache hinweg, dass mehr als die Haelfte der Zeit und viel mehr als die Haelfte des Geldes weg sind. Gedanken an ein "Nach der Reise" kommen hoch, beschaeftigen mich und auch Philipp und sind oft Gespraechsthema zwischen uns. Im grossen und ganzen ein gutes Thema. Doch erwaret uns zu Hause ein fast groesseres "ich weiss nicht wie es laeuft" als hier auf Reisen...

Und nun zur letzten Frage: weshalb diese Reise? Eine Flucht war es nie. Ich freute mich schon vor der Reise auf meine Rueckkehr. Nur weiss ich jezt etwas genauer, auf was ich mich bei meiner Rueckkehr freue. Und ich fuehle mich irgendwie beruhigt. Beruhigt oder gesaettigt. Aber beruhigt trifft es besser. Ich habe nicht mehr das Gefuehl, wie frueher, etwas anderes zu verpassen, wenn ich an einer Sache zu lange dran bleibe. Ich habe nicht mehr das Gefuehl, keine Ahnung von der Welt zu haben. Ich habe viele Menschen im einzeln, viele Voelker als Gruppe erlebt und kennen gelernt. Und, wen erstaunts, es sind tatsaechlich alles Menschen. Sie haben ueberall die gleichen Ziele und Probleme, wenn ich das mal ganz salop sagen darf: alle haben hunger, wollen geliebt werden, wollen Verantwortng und eine verpflichtende Aufgabe, einen Sinn. Und das Macht die Menschen rund um den Globus gleich und die Welt fuer mich kleiner. Und das beruhigt. All das Erfahrene dieser Reise, das Wetter, das ich wochenlang, monatelang spuere, die Vulkane, Schluchten, Tiere, die Staedte, Wuesten und Waelder und Meere die ich sehe, all das Erlebte, das saettigt. All das weiss ich jetzt. Das Gras ist auf der ganzen Welt gruen. Das beruhigt.
Und weshalb nun die Reise? Ja, ich habe mich schon vor der Abreise gewundert: weshalb machst Du das Jasmin? Komm schon, da muss doch noch was dahinter stecken? Etwas psychologisches vielleicht? Und ich muss ehrlich sagen, ich habe diese Frage nie richtig beantworten koennen. Doch habe ich heute das gute Gefuehl, auf dieser Reise, durch die oben beschriebene Saettigung und folgende Beruhigung eine Antwort gefunden zu haben. Eine Frage und eine Antwort, für die ich auf diese Reise gehen musste.


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