22.10.03 Von Pinguinen, Seeloewen, Walen und Betruegern  

 

jazz - Mit etwas Wehmut und einem Kribbeln im Bauch verliessen wir am 4.10.03 Ushuaia. Wehmut deshalb, weil Ushuaia fuer uns der Wendepunkt der Reise bedeutet: hier aendern wir die Richtung wieder gegen Norden, es geht heimwaerst. Und Wehmut auch deshalb, weil der Tag unserer Ankunft hier genau ein Jahr nach dem Einloesen unserer Motorraeder in der Schweiz war. Der 1. Oktober. Ein schoener Zufall. Und das Kribbeln, weil ueber den schneebedeckten Bergen in unserer Fahrtrichtung dunkle Schneewolken hangen und wir doch nochmals diese 40 km Matsch-Lehm-Pass-Piste machen muessen.
Zum Teil waren die Pfuetzen noch gefrohren und so lief alles glatt :-). Eiskalt war es und wir waermten uns in bekannten Tankstellen mit unseren liebgewonnenen Automaten Kaffes und Schoggiguetzli auf. Ueber 550km ging es die selbe Strasse zurueck. Die selben Zolluebergaenge, die selbe Faehre ueber die Magellanstrasse. Auf unserer Rueckreise war der Wellengang noch hoher und wir sahen Pinguine, die uns schwimmend begleiteten!
Bevor wir mit der Faehre aber ablegen konnten, gab es noch etwas Hektik. Denn der Wirt unseres Hotels der Vornacht funkte dem Kapitaen, wir haetten die Nacht nicht bezahlt. Es war das teuerste Hotel seit Wochen (36US$), und dies nur, weil es das einzige war im Umkreis von 200km. Und nicht etwa wegen uebertriebenem Luxus oder Schoenheit: kein TV, mickriges Fruehstueck und das Gesplaetscher der Luft in der Heizung des kahlen Zimmers trieb uns die ganze Nacht aufs Klo. Nun gut, natuerlich hatte ich bezahlt, der Wirtin, nicht dem Wirt. Und natuerlich erhielt ich keine Quittung. Seit Wochen uebernachten wir in Hotels. Gezahlt wird bar. Fragten wir nach einer Quittung hiess es immer: Mas tardes (spaeter) und nie haben wir eine erhalten. Auch diesmal nicht. Nach etwa 10 Minuten Diskussion legte die Faehre los und der Kapitaen meinte noch, es sei jetzt alles in Ordnung. Als wir dann nach weiteren 50km Fahrt an den chilenischen Zoll kamen, schaute uns der Polizist dort scharf an, erzaehlte in strengem Ton das selbe Maerchen und Phil und ich standen als die absoluten Betrueger da! Angeglotzt von den Menschen am Zoll. Unglauglich! Auch hier wurde wieder gefunkt und telefoniert. Die Wirtin sagte mir am Telefon, ja ich habe bezahlt, erzaehlte dem Polizisten dann aber das Gegenteil. Was sollten wir tun? Es blieb uns nichts anderes uebrig (das Hotel lag fast 200km und die nicht gerade guenstige Magellanstrasse weit weg), als die Nacht nochmals zu bezahlen?! Wir verlangten eine Quittung, welche 15 Minuten spaeter per Fax, absolut unleserlich, eintraf. Ich bat den Polizisten, seine Unterschrift auf den Fax zu machen. Es war hart, so voellig veraergert noch irgendwie freundlich zu sein. Doch das mussten wir, wir brauchten da ja noch einige Stempel in unsere Papiere.... Doch als der Polizist mir dann ein Kreuz als seine Unterschrift verkaufen wollte, da sagte ich: Que buena firma (welch schoene Unterschrift), und die Tonlage, dass kann ich Euch versichern, die stimmte! Das war alles, was ich mich traute. Phil machte seinem Aerger Luft, in dem er so hoeflich doch bestimmt wie auf Spanisch nur irgend moeglich klar machte, dass Chile eine unmoegliche Art hat, mit Touristen umzugehen. Es ist in ganz Amerika besser als hier. Und er werde dieses Land nie mehr besuchen.
Wir sind keine Betrueger. Doch das hat keinen Interessiert. Wir kennen deren Regeln, Recht und Sprache viel zu wenig, als dass wir uns haetten wehren koennen. Das machte wuetend. Hinzu kamen all die Erinnerungen an die von uns erlebte chilenische Gastfreundschaft: am Abwaegestand in der Gemueseabteilung werden generell erst die Einheimischen bedient, auf Fragen auf der Strasse (nach dem Weg, dem Hotel, einer Bank...) reagieren die Chilenen kurz und knapp und sie sagen einem selten etwas zweimal, wenn wirs aus sprachlichen Gruenden nicht ganz mitbekommen haben. Kurz, es koennen mir ja nicht alle Menschen sympatisch sein und mir ist auch klar, dass es auch andere Chilenen gibt. Vielleicht hatten wir in diesem Land nur Pech. Die Hotelgeschichte gab mir betreffend Chilenen und Touristen jedenfalls den Rest. Natuerlich verlangen wir seit jener Nacht nun ueberall eine Quittung. Heisst es: Mas tardes, zahlen wir auch mas tardes. Das ist muehsam und ich komme mir buenzlig vor dabei. Aber nur so geschieht uns sowas nie wieder.

Nun aber genug leidiges, wir haben da naemlich noch ganz viel wunderschoenes erlebt auf unserem Weg Richtung Buenos Aires. Doch bevor die Fahrt weitergeht, moechte ich hier erwaehnen, dass wir seit unserem Aufenthalt in Ushuaia wegen unserem Motorradtransport, den wir ja im Voraus gebucht und bezahlt hatten, in Kontakt mit der Transportfirma stehen. Leider halten die uns ganz schoen auf Trab mit Unterlagen faxen, anrufen, mailen usw., obwohl alles klar sein sollte. Und unser Abflugdatum vom 25.10.03 konnten sie uns lange nicht bestaetigen. Schliesslich machten wir der Vertretung in Buenos Aires Dampf, in dem wir via Hauptsitz Deutschland nochmals unseren Flug bestaetigt haben wollten und am 17.10.03 hatten wir sie dann (wir waren 2 Tage vor Buenos Aires und superfroh ueber diese Info). Nun konnten wir den Personenflug abgleichend organisieren: wir haben bei Malaysia Air ein Opendateticket in der Schweiz gekauft. Ein Telefonat, ein Fax von unterwegs genuegten und wir auf dem erst moeglichenFlug, am 29.10.03 gebucht, ohne Umbuchungskosten.
Zur selben Zeit mussten wir ein Carnet de Passage en Douane (Richtige Abkuerzung: CPD, im Internet allerdings oft unter CDP, fuer Carnet de Passage) beantragen- in der Schweiz nota bene. Das Carnet selbst waere ja kein Problem, aber die hohe Kaution! Woher das viele Geld auftreiben, auf Reisen? Es waren etliche Telefonate, Mails und Fax noetig, bis diese Sache klappte. Doch auch hier hatten wir die Bestaetigung gegen den 20.10.03 erhalten und die Carnets sollten wir bei unserer Ankunft in Kapstadt auf der dortigen Schweizer Botschaft anholen koennen (wir riefen dort an, fragten ob sie Briefe empfangen und welches die genaue Adresse sei- sehr freundliches Personal!).
All diese Organisiererei machten wir also schon von unterwegs, damit wir dann in Buenos Aires nicht zu lange verweilen muessen.

Nun aber wieder auf den Sattel schwingen, Helm aufsetzen, sich auf Wind, Schnee und Kaelte vorbereiten und Gas geben. Unser Weg fuehrt uns nicht total identisch zum Hinweg wieder hoch durch Patagonien. Wir machen noch einen wahrlich coolen Abstecher nach El Calafate, der Stolz vieler Argentinier. Ein Dorf, Touristendorf, am Lago Argentina, umgeben von schneebedeckten Kletterbergen und einem Gletscher, der bis in den See gelangt und Eisbrocken mit lautem Gekrache dem Wasser uebergibt. Die Umgebung, die Landschft um El Calafate herum ist wirklich einmalig. Der Fluss, der Rio Santa Cruz, begleitete uns dann ueber 200km Offroad (zu Teil heftige Geroellstrecke!!!) ohne auch nur ein Haus dafuer viel Seitenwind und einer Saukaelte zurueck an den Atlantik. Wieder sahen wir Lamaherden, wilde Pferde, tausende von Schafen und diese Straussenvoegel. Es war herrlich- noch einmal Patagonien pur!

530km weiter noerdlich dann unser Besuch im Nationalpark Valdes, einer Halbinsel. 345 km fuhren wir, groesstenteils Offroad auf dieser Insel umher um sie zu suchen und zu finden- Pinguine!!! Ganz viele, ganz nahe und total suess! Unweit der Pinguine am selben Kuestenabschnitt dann die Seeloewen und Robben. Die Seeloewen waren zu Teil richtige Monster, so gross! Bis zu 4 Tonnen, wie uns ein Plakat informierte! Und sie bellten und grunzten, echt laut. Immer wieder robbten die Tiere 5 Meter um dann scheinbar erschoepft wie erstarrt liegen zu bleiben. Nach 5 Minuten weitere Meter... Es war extrem faszinierend, diesen Tieren zu zu sehen. Doch der Hoehepunkt dieses Tages sollte erst noch kommen!
Wir fuhren stehend auf unsren Bikes der Kueste entlang auf dem Kiesweg. Immer wieder schauten wir rueber aufs Meer und da sahen wir sie! Drei Wale schwammen etwa 150 bis 200 weit aussen parallel zu uns in die selbe Richtung! Immer wieder tauchten sie unter, tauchten wieder auf und stiessen Wasserfontaenen aus! Ein Erlebnis, das ich ganz bestimmt in ganz besonders guter Erinnerung behalten werde!
Ganz allgemein moechte ich hier noch festhalten, dass mich die Tierwelt von Patagonien, auch die Papageienschwaerme weiter noredlich und nicht zu vergessen die riesigen Vieherden, die ich noch gar nicht erwaehnt habe, das alles hat mich ganz tief beeindruckt. Herrlich, den Tieren in ihrem mehr oder weniger natuerlichen, sicher aber artgerechten Umfeld zu begegnen.

Auf den naechsten 1500km, die uns bis Buenos Aires noch fehlten, hatten wir von Minustemperaturen und Schnee bis zu 28 Grad an einem Strandresort in der Sommervorsaison etwa alles an Wetter, das man sich vorstellen kann. Wir wurden an 2 Tagen auch nochmals so richtig verregnet. Doch wir hatten viel Zeit und konnten so einigen Wolkenbruechen ausweichen, indem wir kleine Kaeffer mit schaebigen Bleiben in Kauf nahmen... . Ganz abgesehen davon sind die Wetterstimmungen bei Gewitter und dunklen, tiefhaengenden Regenwolken, mit den Blitzen die am Horizont in die Erde breschen mit dem Wind der ploeztlich von allen Seiten kommt... das alles ist faszinierend anzusehen. Ich musste nur vergessen, auf dem Motorrad zu sitzen!

Wie wir es seit Wochen geplant und gehofft hatten, fuhren wir an einem Sonntag, also bei wenig Verkehr, in die grosse Stadt Buenos Aires hinein. Lago Mio war ich nervoes! Wir wussten ungefaehr in welches Quartier wir wollten- Pfeilschiessen im Reisefuehrer... . Zum Glueck ist Buenos Aires verkehrstechnisch supergut organisiert. Seit Tagen sehen wir die Autobahnen am TV auf dem Lokalsender, wenn sie von Staus berichten. Nun fuhr ich selber darauf- ohne Stau. Autobahn bis ins Herzen der Stadt. Dort auf die Hauptstrasse und nach etwa 3 Blocks links weg. Wir sind im Quartier. Etwa 3 Runden um die Haeuser und ein Hotel ist gefunden.
Um 11 Uhr checken wir ein. Alles supergut gelaufen. Und so sollte es weiter gehen. Noch am Sonntag besuchen wir Eva Perons Balkon und Plaza, suchen das Malaysia Air Haus und die Adresse der Biketransportfirma Hellmann in der City.
Am Montag, 20.10.03 holen wir bei der Airline unsere Tickets ab (kostete 5 Minuten und sonst gar nichts!) und gehen dann mutig zu Hellmann- mal lugen ob diesmal alles klappt. Eine herzliche Begruessung unseres Mailkontaktes Patricia, eine Kopie unserer Papiere und die Verabredung fuer den naechsten Tag am Flughafen, fertig! 10 Minuten und auch Gratis (das heisst keine Zusatzkosten!). Phil und ich sind positiv ueberrascht und freuen uns ab der argentinischen Professionalitaet und Freundlichkeit! Schnell vergeht der Rest des Tages mit Citytouring, einem Gang auf die Post (das Paket meiner Eltern hat es leider nicht geschafft, so esse ich eben nun Phil seine Guetzli weg, die er erhalten hat) und einem Besuch im Internet. Am Dienstag bepacken wir die Bikes und fahren die 30 km an den Internationalen Flughafen. Dort treffen wir wie abgemacht um 9 Uhr Omar von Hellmann. Er macht alle Zollgaenge fuer uns, erklaert alle Schritte und entschuldigt sich immer wieder, das alles so lange dauert! Doch wir sind uns was Warten angeht weitaus anderes gewohnt und schauen in der Zwischenzeit gespannt dem Treiben auf dem Frachtflughafen zu. Ab und zu eine Unterschrift und schliesslich waren die Paletten aus dem Zoll ausgeloest und wir konnten unsere Bikes und Boxen aufladen: Baterien abhaengen, Tanks leeren, Rueckspiegel und Windschetze wegschrauben und alles mitsamt den Boxen ganz doll anzurren, fertig. Um 14 Uhr verlassen Phil und ich den Flughafen verrichteter Dinge. Alles klappte wie am Schnuerchen, Bikes und Boxen sind auf den Paletten, Papierkram erledigt- fehlt nur noch eine Unterschrift von uns morgen im Buero bei Patricia. So geschehen am Mittwoch, 22.10.03.
Absolut profimaessige, angenehme Abwicklung der Dinge- ohne Zusatzkosten. Herzlichen Dank!

So steht einer Uebersiedlung nach Kapstadt nichts mehr im Wege. Die Toeffs fliegen am 25.10.03, wir am 29.10.03 hinterher. Viel Zeit bis dahin. Hilfe! Was machen wir nur, so ohne Bikes, damit uns nicht langweilig wird? Auf unserer Busfahrt, dem einheimischen Colectivo, zurueck ins Zentrum von Buenos Aires, hatten wir fuer etwa 75 Rappen fast 2 Stunden Zeit, uns etwas ganz tolles fuer diese Woche auszudenken.


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