11.11.03 Rueckblick auf Suedamerika  

 

phil - "Suedamerika, was ist das?", fragte ich mich irgendwann in der Abflughalle in Buenos Aires, auf den Jumbo wartend, der uns nach Afrika bringen wuerde. "Buenos Aires, tolle Stadt. Hektisch eng und verstopft, doch mit unheimlich viel Charme, erstaunlich gruen von den zahlreichen Baeumen und Balkongewaechsen und wie in Italien funktioniert schlussendlich wie von Zauberhand doch alles viel fluessiger, als es auf den ersten Anschein aussieht. Montevideo, der Klang des Namens alleine rechtfertigt einen Besuch des uruguayanischen Aequivalents zur argentinischen Hauptstadt. Die Wasserfaelle von Iguacu, der einmalige Luxusbus zurueck, der keine drei Dollar teurer war als die Rumpelkiste vom Hinweg. Und vorher noch Patagonien, mit den vielen Voegeln. Ja, die Voegel, die habens mir angetan. So vielfaeltig und so viele in der Anzahl. Immer keck und doch traumwandlerisch sicher spielten sie mit dem deftigen Wind, der noch so wuetend werden konnte ab der beleidigenden Leichtigkeit der Voegel. Die Wale. Die Wale haetten sie sehen muessen. Die strahlen ebenfalls diese Kraft aus, wie sie nur die Natur zu zeigen vermag. Das war Suedamerika". Und dann bin ich selber erschrocken. Nein, das ist nicht Suedamerika! Das ist nicht einmal das Suedamerika, welches ich gesehen habe, das waren lediglich die letzten paar Tage. "Suedamerika, das ist..."

Nun befinden sich Jasmin und ich seit knapp zwei Wochen in Afrika, wir haben es heute bis nach Swakopmund, Namibia geschafft. Afrika ist so anders, die Landschaft, unvergleichlich und wieder aberdutzende neuer Tiere. Die Menschen, deren Kultur, ihre Sprache, ich verstehe kein Wort. Was freue ich mich, mehr zu erfahren. In meinem Kopf muss ich dringend Platz machen fuer Neues und erkenne erst jetzt das Ausmass, wie sehr mich Latinamerika eingenommen hat. Wir haben Suedamerika gelebt. Mit dem Motorrad ist man eher gezwungen, als auf Pauschalreisen, auf die Umwelt zu- und einzugehen und sei es nur, um in einem hundert Seelen Ort nach dem Weg zu fragen. Die alltaeglichen Dinge zu erledigen gehen in fliessendem spanisch, um etwas zu verstehen muss man sich nicht mehr sonderlich konzentrieren. Wir wissen genau, wo wir was kriegen oder mindestens, wen wir fragen koennen. So hatte ich in Argentinien echt das Gefuehl, es sei genau wie zu Hause. Ist es auch, denn fuer uns wurde Latinamerika zum Alltag.

Angefangen hat es in Quito, Ecuador. Leicht erkaeltet haben mir die 2'800 Meter ueber Meer zu schaffen gemacht, trockener Rachen, keuchende Lungen, leichtes Kopfweh. Trotzdem schonungsloses Programm von Carlito, dem Freund von diesem teufelskerl Edison welcher unsere Motos ohne Carnet de Passage (Zolldokument) ins Land einfuehren konnte, die zweistuendige Rundfahrt durch Quito by night. Der Aequator. Ueberschritten zu Fuss! Schritt nach vorn, Nordhalbkugel, Schritt zurueck, Suedhalbkugel, Schritt vor, zurueck, huepfen, vor, zurueck, vor, zurueck - ich koennte das stundenlang machen. Stellen sie sich vor: die Mitte der Erde. Mit einem Schritt wechseln sie die Seite, Sued, Nord, hin und zurueck. Ich strecke die Arme aus und lehne mich nach vorn. So schnell wie an dieser Stelle bin ich noch nie durch das Weltall gesaust, denkt man sich einfach die Athmosphaere weg. Das kann man sogar ausrechnen. Den vollen Kugelumfang in 24 Stunden. Das ist schnell, da darf man sich ruhig ein wenig nach vorne, gegen Osten lehnen. Ich stelle mir nicht vor, dass ich nun mit der Weiterreise in den Sueden, geht man vom allgemeinen Lehrbild Norden gleich oben aus, zunehmend den Kopf nach unten habe, dazu noch mit dieser hoellen Geschwindigkeit. Dann wird mir urploetzlich flau im Magen und ein wenig schwindlig, selbst wenn ich mich auf Meereshoehe befinde.

Irgendwann geht es weiter, durch die farbigen Anden von Ecuador, nirgend wo sonst strahlen sie so bunt. Die Fruechte an den Maerkten werden immer kunstvoll aufgestapelt, zwei, manchmal drei aufeinander stehende Fruechte bilden einen Turm, der moeglichst hoeher ist als der des Nachbarstandes. An einem Sonntagmorgen strahlen auch die Menschen bunt, in satten Farben, reich gemusterte, gewobene Stoffe. In Scharen zu Fuss oder auf der Ladeflaeche eines Lastwagens stroemen sie in Richtung der Kirchen. Wo wir vorbei fahren wird kurz inne gehalten und wir winken uns gegenseitig zu. Diesen Vormitag moechte ich nie mehr vergessen. So wie der Sonntag in Putre, Chile. Wiederum auf mittlerer Hoehe, wir rasten einen Tag, um uns an die duenne Luft zu gewoehnen. Aus der Dorfkappelle droehnt eine stampfende, treibende Melodie, die sich staendig wiederholt. Innen sitzen links und rechts Blaeser und Trommler, die Leute tanzen wie in Trance zur peitschenden Musik, allen voran der Priester. Jedem scheint die Abfolge des Rituals bekannt. Nach einer ganzen Weile doch noch vor Ende der Zeremonie stapfen wir weiter. Und zwischen diesen beiden Sonntagen liegen aber nicht weniger als ein paar tausend Kilometer Peru. Kuestenstrassen, dicker, zaeher Nebel. Nach dem erwaehnten Sonntag in Chile erst La Paz, Bolivien. Dieses Land zwingt zu leben, zu ueberleben. Im Nachhinein empfinde ich es als besonders schoen, da wir es uns erkaempfen mussten. Es braucht Ueberwindung, man muss etwas wagen, ist dann dafuer nacher der Held. Wild West Romantik, es kratzt an den Instinkten.

Endlich wurde es wieder waermer. Nach den kalten und kargen Wuestenabschnitten, den frostigen Naechte in den Anden, jedes Grad wurde mit einem freudigen Lachen belohnt. Kurz vor Santiago de Chile dann die erste Panne, Totalausfall meines Vehikels. Spannend wie in einem Krimi kommen wir in der Hauptstadt an. In dieser die Knallfroesche von BMW, welche "BLAUES Motorrad" nicht von schwarzem Motorrad unterscheiden koennen und einem einwandfreien Fahrzeug die Kuehlung wechseln. Weiterfahrt in den Sueden, langsames Vorruecken zurueck in die Kaelte, als wollten wir dem Fruehling entfliehen, den Winter nochmals einholen. Die Natur veraenderte sich, immer eine Klimazone weiter, es wurde rauher, windiger, bis hin zu den verschneiten, spitzen Bergen ganz unten im Kontinent. Im Kontrast zur kargen Landschaft die wundersame Vielfalt der Tiere, von straussenaehnlichen Voegeln ueber rosa Flamingos bis zu handballen grossen Zwietschern. Walroesser, Pinguine in den mannshohen Wellen der Magellanstrasse, ganz geschweige von den Wollpullovern, die ueberall im ganzen Kontinent mal als Schaf, mal als Lama in der Gegend herum stehen. Als kroenender Hoehepunkt die Wale in der Bucht vor Puerto Madryn. Ein bewegter Moment, der zu Traenen ruehrt. Auf dem Motorrad fahrend, stehend, da abseits der asphaltierten Strasse auf einer Kiespiste den Klippen entlang. Auf gleicher Hoehe linker Hand das Rudel Wale, die gleichmaessig ruhig in die gleiche Richtung zogen. Traenen deshalb, da mir wieder einmal bewusst wurde, wie fern ich in meinem Arbeitsalltag dieser Lebensenergie meistens bin, zum anderen widerspiegelte diese Szenerie einen Teil des Lebens selbst, die Vergaenglichkeit, das Wissen, dass dieser eine Moment nie wieder so kommt, dass alles was zurueck bleibt, eine suesse, zarte Erinnerung ist. Los lassen koennen und versuchen, keine Sehnsucht zu empfinden, statt dessen Ehrfurcht und Dankbarkeit fuer den hauch Leben, der uns die Natur in diesem Moment schenkte.

Suedamerika, ich komme wieder.


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