17.11.03 Von Schlangen und grossen Katzen!  

 

jazz - Oh ja, wir sind wieder unterwegs! Und es ist ein gutes Gefuehl, das kann ich Euch sagen! 16 Tage nicht mehr gefahren- Horror! Vielleicht ist dieses Manko ja der Grund fuer unsere Hammeretappe gleich am zweiten Tag. Ueber 6 Stunden waren wir unterwegs, 520km. Die Nacht zuvor verbrachten wir im Zelt- was den Tagesablauf nullkommagarnichts aendert: mit Sonne ins Zelt (20 Uhr) und mit der Sonne wieder raus (5.30 Uhr). So konnten wir die ersten 2 Stunden Fahrt bei sehr angenehmer Waerme fahren. Danach wurde es heiss. Doch uns hielt nichts auf, die Grenze zu Namibia war unser Ziel und das haben wir auch erreicht. Die Fahrt ging durch Steppenwueste mit viel Steinen, roter Erde, vereinzelten typischen Afrikabaeumen (ja, die aus den Filmen, immer mit dem nackten Stamm, der flachen Baumkrone und immer windschief in der Gegend stehend, genau die!) und vielen Feldwieseln und Voegeln. Viele gelbe Strohfelder, ab und zu ein bewaessertes, gruenes Feld. Vereinzelte Farmen, sonst nicht viel Mensch. Den Grenzuebertritt machten wir, abgesehen von der Temperatur von ueber 40 Grad am Schatten, mit links. Etwas mulmig ist uns noch zu Mute, weil niemand unser Carnet de Passage (welches wir zur Einreise in Suedafrika dringend benoetigten) abstempeln wollte: Suedafrika, Namibia und Zambia seien ein Bezirk, hiess es. Und wir hoffen so!
Unsere erste Nacht in Namibia dann wieder auf einem Campingplatz, ganz nahe der Grenze. Leider hatte die Bank schon geschlossen und an der Grenze gab es keine Geldwechselmoeglichkeit (die erste Grenze, die ich auf dieser Reise mache, wo dies so ist!!), daher mussten wir einen eher unguenstigen Kurs eines Hoteliers in Kauf nehmen, damit wir ueberhaupt etwas Cash hatten. Eine etwas peinliche Erfahrung fuer uns alte Reisehasen- doch Afrika tickt eben anders!

Am Samstag, 8.11.03 ging es noch vor 7 Uhr wieder los. Etwa 3 Stunden Fahrt bis Keetmanshoop. Hier konnten wir Geld abheben, einkaufen und auf einem Zeltplatz nahe der Stadt unser Zelt aufschlagen. Der 3. Campingplatz in Folge, wo wir absolut die einzigen Gaeste sind! Afrika wird, je noerdlicher wir kommen, desto abenteuerlicher: mit Englisch kommen wir nicht mehr weit: Hand und Fuss Sprache ist angesagt. Die Staedte werden immer kleiner: Keetmanshoop hat vielleicht die Groesse von Hinwil, die erste groessere Stadt seit Kapstadt! Und es hat immer weniger Weisse in den Staedten.
Doch sind wir noch in einem Gebiet, wo sich die Menschen, die hier leben, an die Touristen gewohnt haben. Auch Motorradtouristen hat es hier viele. Und so kommt denn auch das Gebettle der Kinder nach Money und Wasser eher daher wie "nuetzts nichts, schadets nichts" oder "versuchen kann ichs ja mal", als wirklich ernst gemeint!
Nachdem wir kraeftig eingekauft hatten (soviel Vorrat an Wasser und vor allem Esswaren haben wir noch nie gekauft), gingen wir zurueck auf den Zeltplatz. Dort erwartete uns- jawohl, ein fetter Nagel im Vorderrad von Phils Motorrad! Nichts mit einem freiem Nachmittag mit Nichtstun, Pneuwechsel war angesagt. Es dauerte gut eine Stunde und das Vorderrad war wieder tip top! Geht ja doch!

Vom Nichtsttun sollten wir die naechsten Tage dann so richtig genug bekommen. Nach ueber 1000km Asphalt verliessen wir die Hauptroute und fuhren auf Kiespisten (z.T grobem Wellblech, meist aber gut praepariert), sog. Gravel, Richtung Kueste nach Swakopmund. Wir fuhren jeweils um 6.30 Uhr vom Zeltplatz los, waren knapp 4 Stunden unterwegs, bevor wir uns auf dem naechsten Zeltplatz wieder nieder liessen.
Da war jeweils nicht mehr als eine Tankstelle, ein kleiner Shop und eben, der Zeltplatz. Und natuerlich die Hitze. Schnell aus den Toeffklamotten raus, etwas essen, viel trinken und dann bis 18 Uhr nicht mehr machen als dem Schatten nachruecken und Trinkwasser abkochen. Sonst nichts- ja wirklich nichts. Tiere beobachten, das noch. Aber das wars dann, zu mehr reichts bei ueber 40 Grad am Schatten einfach nicht.
Bei solchem Nichtstun fiel Philipp und mir auf, wie anders die Uhr in Afrika tickt- alles zu seiner Zeit naemlich; am Zoll, auf der Strasse, in den Doerfern. Sogar die Tiere halten sich daran. Etwa jede Stunde ist ein neuer Vogel oder anderes Tier, vor allem Insekten, an der Reihe, seine Musik zum Besten zu geben. Mit einem Schmuzeln erinnern wir uns an das Chaos Konzert der Tiere in den tropischen Waeldern Zentralamerikas. Und die Tierwelt faerbt eben auch auf den Menschen ab, so scheint es. In Zentralamerika gehoert es wohl zur Mentalitaet, dass es ueberall laut ist. Alle miteinander, alle durcheinander- ich erinnere mich an die Markte... . Hier in Afrika nicht- alles zu seiner Zeit- einer nach dem anderen. Und dementsprechend ruhig ist es hier. Fast zu ruhig wurde es mir dann, als ploetzlich eine grosse schwarze Katze, also deutlich groesser als so eine schnucklige Hauskatze, als so eine grosse Katze in wohl sicherer Entfernung von etwa 100 Metern ueber den Zeltplatz schlich... .
Auf unseren Etappen an die Kueste Namibias durchquerten wir das Naukluftgebirge mit drei schoenen Paessen, den Naukluft Nationalpark und viel Wueste dazwischen. Bei Sesriem sahen wir die riesigen Sandduenen bis an den Horizont und auf unsererFahrt nach Solitaire sahen wir Schlangen (eine davon an einer Tankstelle!), den Vogel Strauss und sowas wie Antilopen- die sind ja vielleicht schnell!
Auf der letzten Etappe durch dieses menschenleere Stueck Namibia sahen wir Bergzebras und eine Art Gemse mit ganz langen, steckengeraden Hoernern. Etwa 100km vor der Westkueste ging es von dem 1000 Meter hohen Plateau runter, wurde mit jedem Meter Naehe zur Kueste angenehm kuehler und schliesslich erreichten wir die 10 km lange Asphaltpiste die uns nach Walvisbay brachte und von dort gleich noch die gut 30 km bis Swakopmund.

In Swakopmund dann erneut ein kleiner Kulturschock: kaum haben wir uns an Afrika, die Hitze, die Weiten und die Leere gewohnt, finden wir uns in Deutschland wieder. Alles ist Deutsch angeschrieben, die Guenthers Baeckerei neben Ackermans, gleich visavis von Muellersport! Auf unserem Radio empfangen wir den Deutschen Lokalsender und auf der Strasse, in den Geschaeften wird Deutsch gesprochen! Und natuerlich alles Weisse hier. 2 Naechte bleiben wir, machen Waesche, Vorratseinkaefe, pflegen die Wellblechpisten geschaedigten Bikes, sind oft im Internet an der Homepage und versinken fuer Stunden in unserem Afrikareisefuehrer und den Michelin Landeskarten. Wir machen Plaene fuer die naechsten Tage und Wochen!
Wobei planen hier heisst: wo muessen wir welches Visa besorgen, wo ist dies an der Grenze moeglich und wo eben nicht. Wo sind Tankmoeglichkeiten? Wo koennen wir Einkaufen fuer mind. 5 Tage? Wo werden wir wieviel Geld wechseln muessen? Und wir schlucken unsere erste Malariaprophylaxe.

Am Donnerstag, 13.11.03 ging unsere Fahrt dann weiter. Wieder sahen wir viele Tiere, darunter eine Giraffe und unzaehlige Wildsauen sowie Gemsen, Rehe und Antilopen und auch Affen! Wir verbrachten eine Nacht auf einem paradisischen Campingplatz: auf einer Anhoehe, fernab der Strasse, mit Swimmingpool, Aussicht auf ganz viel Namibia, Trinkwasser gratis und viel Schattenplatz!
Am Freitag dann, 2'500 km nach Abfahrt in Kapstadt, die erste Schranke (sogar an der Grenze Suedafrika/Namibia hatte es keine): "Animals disease checkpoint". Bis hierhin entweder Europa in Afrika oder nur Natur und gar keine Menschen. An der Schranke mussten wir halten und erzaehlen, woher wir kommen und wohin wir wollen und schon konnten wir weiter. Doch was bot sich nach der Schranke fuer ein Bild? Von einem Meter auf den naechsten wurde die Strasse schlecht. Am Strassenrand wackelige Strohhuetten, keine Steinhaeuser mehr. Unterwegs zu Fuss oder mit dem Fahrrad- alles Schwarze. Weisse ab jetzt nur noch in den Autos im Gegenverkehr. Scharen von Kindern zaeumen den Strassenrand, klatschen, jubeln, tanzen und winken wie wild, wenn wir vorbeifahren. Bei all ihren Begruessungsgesten fehlt auch die hohle Hand nie. Ich muss zugeben, die ersten 10 km, die ich so, mit diesem Anblick, all die Kinder, die schaebigen Huetten, magere Kuehe, Esel und Ziegen auf der Strasse, da habe ich schon erst mal etwas leer und trocken geschluckt. Es war mir klar, dass sich das Bild auf der Strasse Afrikas noch aendern muss, doch habe ich damit nicht mehr in Namibia gerechnet! Natuerlich winke ich den Kindern zurueck. Natuerlich gruesse ich die Erwachsenen- genau so scheuh, wie sie mich. Und ich denke bei mir: "Oh je Jasmin, da kommt noch etwas auf Dich zu".

Samstag, 15.11.03. Wir fahren Richtung Norden, immer weiter hinein in diesen Kontinent. In Divundu, an den Popa Falls, schlagen wir unser Zelt auf, gerade noch bevor das Gewitter ueber uns grollt. Es war ein gemuetlicher Nachmittag im Zelt, draussen das Rauschen des Flusses (der erste Fluss, den ich sehe- bis jetzt gabs nur ausgetrocknete Flussbetten), das Krachen des Donners, das Prasseln der Regentropfen am Aussenzelt und die Musik der Tiere- herrlich! Das alles begleitet von einer angenehmen Abkuehlung auf nette 24 Grad.
Am Sonntag fuhren wir bei Sonnenaufgang los. Es sollte ein langer Tag werden! Gute 300km fuhren wir durch den Nationalpark hier im Zipfel von Namibia Richtung Osten, Richtung Grenze zu Zambia. Grosse Strassenschilder warnten immer wieder vor Elefanten- doch sahen wir leider keine. Dann eine Schranke, eine Landesflagge im Wind und 2 Baracken am Strassenrand- Ausreise Namibia. Freundlich und professionell zuegig ging das von statten. Die Polizisten am Zoll stempelten unser Carnet ab und halfen uns mit dem Geldwechseln, indem sie eine Frau herbei riefen, und mit ihr den Kurs festsetzten (wir machten uns vorher an 2-3 Stellen schlau, wie denn der Kurs sei. Die Angaben stimmten nie ueberein, doch hatten wir in etwa eine Idee, wie es denn sein koennte). Der Polizist war zufrieden mit dem Angebot der Frau; und so waren wir es auch. Wir wurden eingewiesen in die Regeln des Geldwechselns auf der Strasse: Noten erst hervornehmen, wenn alles klar abgemacht ist. Alles selber in den Rechner tippen; zur Kontrolle. Und sie zeigten uns sogar die Merkmale der Noten, zur Kontrolle, ob sie den echt seinen. Das alles war uns eine riesige Hilfe. Danke! Dann fuhren wir etwa 1km bis wieder eine Schranke kam, wieder 2 Baracken und eine neue Landesflagge. In 2 Logbuecher mussten wir uns eintragen, das Personenvisa kostete 25 US$, zu zahlen in gesagter Waehrung, und dann noch schnell die Carnets einstempeln, fertig! Nichts ausfuellen, nichts kontrollieren, nichts extra bezahlen fuer die Bikes!
Wieder fuhren wir etwa 1km, runter an den Fluss. Dort verspeisten wir gierig unser trockenes Brot und warteten auf die alte Faehre, die uns ans andere Ufer bringen wuerde. Waehrend der ruhigen Ueberfahrt, angestrahlt von den Einheimischen auf der Fahere und eingeraucht vom Dieselmotor, sah ich die grosse Autobahnbruecke (im Bau) im Hintergrund ueber eben diesen Fluss. Schade, die Faehre wird es wohl nicht mehr lange geben.
Noch 200km bis Livingstone. Die Strasse sei gut, das haben wir uns mehrmals sagen lassen. Nun denn. Die ersten 80km waren Baustellenumfahrung der uebelsten Art: tiefer feiner Kies und ueber mehrere Kilometer weichen Sand. Danach Asphalt. Wir waren beide ganz schoen geschafft, als wir nach ueber 520km, mehr als 7 Stunden Fahrt, auf dem Campingplatz ankamen. Ausser Zelt aufstellen, duschen und Nachtessen war nicht mehr viel. Doch noch immer schlafe ich gerade nach solchen erlebnissreichen Tagen ganz besonders gluecklich ein.
Am Montag erwachten wir wie gewohnt um 5 Uhr. Das nutzten wir aus und machten uns frueh auf den Weg zu den Victoria Falls- die letzten der drei Grossen (Niagara Falls und Falls de Iguacu). Es war halb Sieben als wir in den Park kamen. Allein. Und da waren sie! Eine Schlucht von 100 Meter Tiefe oeffnete sich vor uns und der Fluss, an welchem unser Campingplatz liegt, stuerzt sich ueber die Felsen in die Tiefe! Gigantisch! Die Victoria Falls! Wieder ein Highlight, wieder etwas unvergessliches. Und das bei Sonnenaufgang, an einem einfachen Montag Morgen... .
Den Rest dieses Tages verbrachten wir etwas ungemuetlicher als erwartet. Ich versuchte in 2 Anlaeufen und etwa 3 Stunden einen Check zu wechseln. Mir fehlten aber die Kaufquittungen und die Kopien davon, also war nichts zu machen. Phil versuchte unterdessen Essbares und vor allem Getraenke auf zu treiben. Zambia ist arm. 350 US$ Einkommen pro Kopf pro Jahr. Das merken wir. Es hat viele Geschaefte, beinahe aller Art, doch Regale sind oft leer. Dann die Unsicherheit auf den Banken- ohne sinnlose Quittungen kein Geld. Das Benzin, ein Gut, dass sich eh nur Touristen leisten koennen, Einheimische fahren Fahrrad oder gehen zu Fuss, ist hier so teuer wie noch nie auf unserer Reise (ueber 3.5 US$ die Gallone). Die Menschen, Kinder wie Erwachsene, auf der Strasse wollen Waren Tauschen, Geld haben oder erzaehlen dir einfach von ihren Leiden. Zuhoeren, die eigene Situation erklaeren, und sie gehen wieder.
Ich kann es den Schwarzen nicht veruebeln, oder besser gesagt: ich kann mir vorstellen, weshalb sie mich als Weisse (zb an der Kasse) nur mit sehr abschaetzigen Gesten behandeln. Ich erlebe hier die andere Seite des Rassenkonfliks und muss sehen, dass es noch viel Zeit, Mut, Entgegenkommen, Verzeihen und "Vergessen" von beiden Seiten braucht, bis es besser wird.


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