22.11.03 Zambia  

 

jazz - 7 Tage, nur 7 Tage werden einige vielleicht denken. 7 Tage habe ich in Zambia verbracht, bin von Suedwest nach Nordost diagonal durch das ganze Land gefahren. Knapp 2000km. Die ganze Zeit auf dem 1200 Meter hoehen Plateau. Gegen Norden in hoehere Gebiete, bis 1700 Meter und felsig. Fern der bekannteren Route nach Malawi, doch auf einer der drei Hauptstrassen des Landes Zambia. Auf jener nach Tanzania.
10 Mio Einwohner, 350 US$ Einkommen pro Kopf pro Jahr, nicht ganz 20 mal so gross wie die Schweiz- Zambia in Zahlen.
Mein erster Kontakt mit Zambia war die Faehre, kurz nach der Grenze zu Namibia, ueber den Zambezi River. Tatsaechlich ein Fluss mit Wasser! Erst der zweite seit ganz Afrika! In Zambias Sueden ist das Klima sehr feucht und die Vegeatation dementsprechend ueppig. Malariagebiet. Wie wir auf der alten Klapperfaehre den Fluss ueberqueren sehe ich im Hintergrund eine riesige Autobahnbruecke, in Bau, ueber den Fluss. Eines der ganz vielen Hilfsprojekte hier in Zambia. Die Bruecke finanziert von Namibia und Deutschland. Durch ganz Zambia die vielen Halls of Kingdom der Zeugen Jehovas. Immer wieder inmitten der Strohhuettensiedlungen, die im Abstand von manchmal 10km manchmal 100km, mal bewohnt, mal verlassen, die Hauptstrasse zaeumen, inmitten dieser Strohuetten dann und wann also ein Steinhaus: entweder besagte Halls oder dann ein Rotkreuzposten. Auch die Schulhaeuser, sehr zahlreich uebrigens, sind Steinbauten. Einfache, aber aus Stein und mit Dach. Die Schulhaeuser allerdings am Dorfrand oder scheinbar mitten im Nichts. Nicht etwa in der Dorfmitte. Das zeigt schoen, dass Schule hier eher etwas eher Neueres ist und nicht wie bei uns oft zum Zentrum eines Dorfes gehören.
An den Strohhuetten kann man uebrigens auch das Klima der Region erkennen, welches in Zambia mehrmals wechselt. In feuchten Gebieten (im Sueden bei den Victoria Falls und zwischen Lusaka und Kabwe) ist das Dach der Huetten aus Stroh, und die Waende (oft Kreisform) sind eine Art Moertelgemisch aus der lehmigen Erde und dem trockenen Sand. In trockenen Gebieten sind die Daecher aus Stroh, genauso die Waende (Gewoben in Kreisform) und oft schirmt ein Strohzaun rund um eine Siedlung oder eine Huettengruppe der Siedlung vor dem Wind und den Tieren. Gegen Norden des Landes, wo es huegelig bis felsig (1700 Meter) wird, dann Strohdaecher, Rundbau, aber die Waende aus Stein. Sind solche Siedlungen klein und ist das Wetter schoen ist deren Anblick oft romantisch. Doch sind die Siedlungen groesser (noerdl. von Lusaka) oder regnet es, sieht alles gleich ganz anders aus... . Komisch kam es mir vor, wenn am Strassenrand vor so einem Strohhaus dessen Bewohner stand, in gepflegtem Anzug mit Koffer und Schirm auf den Bus wartend. Groessere Doerfer bestehen auch aus Steinhaeusern mit Wellblechdach- meist ist in solchen Gebieten entweder das Rotkreuz oder sonst ein Hilfswerk stark vertreten (gegen Norden des Landes immer seltener). Auf der Strasse, waehrend der ganzen Strecke, immer viele Menschen- zu Fuss oder (Vorrecht der Männer) mit dem Fahrrad. Fast keine Lastwagen, sehr wenige kleine Busse, noch weniger Cars und hie und da ein Privatauto- nicht selten dann aber Luxusklasse. Und auf unserer Route selten ein Mietauto, sprich Pickup mit Dachzelt.
Etwa alle 100km bis 150km eine Polizeikontrolle: orange Plastikhuete warnen vor kommender Schranke. Schon von weit weg winken die Polizisten uns zu (sonst ja kein Verkehr..) und deuten uns an, zu halten. Mit fröhlicher, lauter und meist tiefer Stimme werden wir immer erst freundlich gegruesst, gefragt woher und wohin- dann peinliches Schweigen und Bestaunen der Bikes. Entweder fragen Phil und ich etwas ueber den kommenden Ort, die Strasse usw. Oder aber wir geniessen alle das Schweigen, laecheln einander an, bis es irgend wann heisst: "Okay, safe trip!" Unser Stichwort die Motoren anzuwerfen, den Polizisten nochmals zu zu nicken und dann weiter zu ziehen.
Am Strassenrand stehen immer wieder Menschen, oft Kinder, die Dir anbieten, was sie gerade erworben, gefunden oder gemacht haben: Nuesse, Pilze, Tomaten, Zwiebeln, grosse Saecke voll von Holzkohle (der Wald sieht dementsprechend abgefackelt aus und wir sind an was weiss ich wievielen "Waldbraenden" vorbei gefahren...), manchmal Honig, Stroh fuer Daecher, Brennholz, Besen, selten Kuerbis und Orangen, manchmal ein Fisch und einmal Pflaumen. Das klingt im ersten Moment vielleicht ganz abwechslungsreich und nach guter Verpflegung. Doch war es oft nur eine Schale Nuesse, nur 26 Tomaten auf dem Tisch, wirklich nur ein Fisch- und auch auf dem Markt in einer Stadt (z.Bsp. Mpika; hier kommen zwei Hauptstrassen zusammen) ist das Angebot kaum grosser: getrocknete Kleinstfische aus dem nahen Fluss, einige Haeufchen Bohnen, etwas Reis und Kartoffeln, wenige Bananen und etwas an Gewuerzen kommt hinzu, das wars. An Tankstellen zwischen Livingstone und Lusaka (dort wo noch die meisten Touris, auch die nach Malawi, durchkommen) hatte es oft gute Minimarkets mit einer guten Auswahl vor allem an Getraenken (dh man konnte Trinkwasser kaufen und etwa 2-3 Suessgetraenke) und ein bescheidenes Sortiment an Buechsen, Bisquits und Chips. Brot, wenn vorhanden, ist immer weiss, fettig und in Cakeform gebacken. Dafuer ist Kaffe, Tee, Honig und Konfituere gut vertreten. Selten gibts Milch und Kaese, manchmal sogar Fleisch. Wein gibts- extrem teuer und Bier haben sie- eine eigene Marke (Mosi Lager), ein Herbes. Und wenn wir schon an den Tankstellen sind: Diesel und Super (verbleit) gibt es etwa alle 100km, Bleifrei nur zwischen Livingstone und Lusaka, und auch dort selten. Oktanwerte kennen sie hier nicht. Tankstellen sind oft an grossen Kreuzungen (Wovon Zuerich wahrscheinlich mehr hat als ganz Zambia) und noerdlich von Lusaka gibts dort ausser Benzin und Diesel nichts zu kaufen.
Wir haben bei Lusaka Vorrat an Reis, Pasta und Saucen gekauft und ansonsten dann Frisches gegessen, wenns Frisches gab und sonst eben nicht. Die Zwiebel, fast in ganz Zambia erhaeltlich, haben wir unterdessen sehr zu schaetzen gelernt!

Alle Naechte bis auf die letzte haben wir im Zelt auf einem Campingplatz verbracht. In Zambia (und auch schon Namibia) heisst Zeltplatz "Guesthouse" und bedeutet folgendes: Von der Hauptstrasse geht ein beschilderter Pfad wenige hundert Meter bis einige Kilometer ab bis an eine hohe Mauer mit Tor. Bei Einlass wird man gut beaeugt oder gibt gar seinen Namen in ein Logbuch an. Hinter der hohen Mauer befindet man sich in einer kleinen Siedlung meist bestehend aus dem Receptionshaus, einem Barhaus, den Guesthouses (Bungalows) und dahinter der Zeltplatz mit den Sanitairanlagen; meist schoene Steinbauten mit Strohdaechern. Nicht selten hatten wir Swimmingpool und Restaurant auf dem Gelaende. Die Besitzer waren fast immer Weisse, in Afrika geboren.
Ja, entweder so oder wild campen- was ich mich nur schon wegen der Tiere nicht getraut habe. Je noerdlicher man im Land kommt, je seltener werden die Guesthouses und umso weniger Luxus findet sich auf ihnen. Doch eine Mauer hat es immer. Hotels gibt es fast keine. An der Grenze zu Tanzania, in Nakonde, fanden wir keinen sicheren Platz zum Zelten und schliefen in einem "Hotel": Steinbaracke, alt, kein Wasser. Nur ein Wasserhahn im Innenhof- sicher kein Trinkwasser.
In ganz Zambia kein TV, keine Zeitungen und praktisch kein Internet (Livingstone und Lusaka). So klebten Phil und ich allabentlich im Zelt an unserem kleinen Weltempfaenger und lauschten Deutsche Welle und BBC World.
Auf DW erfuhren wir, was zu Hause los ist und auf BBC erfuhren wir in den vielen Reportagen aus allen Laendern Afrikas sehr viel ueber diesen Kontinent. Was bewegt die Menschen hier? Ganz klar Thema Nummer eins ist HIV/Aids. Ein Drittel der Bevoelkerung Botswanas ist HIV positiv. Von ueber 42 Mio weltweit Infiszierten leben mehr als 2 Drittel davon im Sub-Sahara-Gebiet. Solche und weitere schreckliche Zahlen gehen durch Mark und Knochen. Interview mit einer Prostituierten (genannt Sexworker) Botswanas: Was weisst Du ueber AIDS? Schlimme Krankheit. Eine Art Virus. Kondome schuetzen. AIDS kills. Das war alles, das sie hervorstaggelte. Und da ist sie kein Einzelfall. Gruende, weshalb es hier (ich erlaube mir, das nahe Botswana in etwa mit Zambia geich zu setzen was Bildung, Wohlstand und gesellschaftliche sowie wirtschaftliche Probleme der Bevölkerung betrifft) weshalb es hier also mit der Aufklaerung nicht klappt, sind sicher die zahlreichen afrikanischen Rituale und Braeuche (Massenbeschneiungen der Frauen mit dem selben Messer oder zb, dass Sex geben eine gaenige Art von Bezahlung ist (der Frauen)). Aber auch die sehr verbreitete Kindsmisshandlung und die Armut werden als Gruende genannt. Ein Grund ist sicher auch die grosse Scheuh der Aufklaerer, die Dinge beim Namen zu nennen. Ein solcher Aufklaerer (Einheimischer) sprach am Radio: erst machte er etwa 10 Mal klar, dass man einem Menschen den Virus wirklich nicht ansieht (!) und dann, auf die Frage, wie man sich denn anstecken koennte, nannte er ungeschuetzten Geschlechtsverkehr, murkste aber bei Woertern wie Anal oder Oral dermassen rum, dass er es wirklich nicht beim Namen nannte! AIDS ist auch auf der Strasse Thema: Ausgangs eines Dorfes verkuendet eine Tafel: "Safe drive- and remember: AIDS kills." Viele Sprueche in dieser Art- aber keine wirkliche Aufklaerung.
Weitere Themen am Radio ist das brutal weit verbreitete Misshandeln der Kinder in Afrika. Ein trauriges Kapitel- weshalb das so ist und was dagegen zu tun ist- man ist ohnmaechtig und sprachlos. Malaria, Benzin, Nahrungsmittelengpaesse oder die Trinkwasserversorgung sind kein Thema worueber am Radio berichtet wird. Es ist halt, wie es ist. "No, I'm afraid, no fruits in he whole town lady.", meint der Verkaeufer ruhig. "Oh, Sir, the Gasolinepump is not working. No gasoline today. Sorry", sagt der Tankwart kopfschuettelnd. "Oh, the water has gone. No water." toent es selbstverstaendlich. Probleme, die uns in Zambia zu schaffen machen.

Meist schaffen wir im Zelt gerade noch die 21 Uhr Nachrichten, bevor uns endgueltig die Augen zufallen. Da wir schon wieder nahe am Aequator sind, wird es frueh dunkel und frueh wieder hell. Und auf dem Campingplatz, wie auch im ganzen Land (gibt praktisch keinen Strom) richtet sich das Leben nach dem Tageslicht. Also stehen wir seit wir Kapstadt verlassen haben taeglich um 5 Uhr auf. Wir packen alles zusammen, Fruehstuecken was noch da ist und fahren gegen 6 Uhr los. Zambia und seine Menschen sind um diese Zeit auch schon alle wach und auf den Beinen. Frauen in ihren bunten Batiktuechern, tragen Wassereimer auf dem Kopf zur Wasserstelle des Dorfes, die Kinder entweder im Tuch am Ruecken oder, ebenfalls mit einer Wasserflasche bewaffnet, an der Hand. Ueberhaupt tragen die Frauen hier alles auf dem Kopf- von der Gartenhacke bis zu 2 Meter langem, gebuendelten Brennholz. Der Mann ist mit dem Fahrrad oder mit einer Schubkarre vollbeladen unterwegs. Kinder in Schuluniformen ziehlen in eine Richtung, Kinder in Altkleidersammlungbekleidung stehen entweder schon mit Pilzen zum Verkauf oder eben noch suchend am Strassenrand. Es ist wie in Zentralamerika. Du kannst halten, wo Du willst, es kommt immer ein Fahrrad, ein Fussgaenger, eine Gruppe Kinder- immer. Du bist nie alleine. Sie schauen, grinsen. Immer mit Abstand und immer freundlich und scheuh- Kinder wie Erwachsene. Die Radfahrer fahren Zickzack ueber die ganze Strasse, wenn sie uns fahrend nachschauen, die Kinder jubeln, winken, klatschen und tanzen, die Frauen strahlen und alle stehen auf vom Strassenrand, legen ihre Arbeit nieder und staunen, wenn wir vorbei Fahren.
Durch ganz Zambia, schon im Norden Namibias, sah ich keine alten Menschen. Sie werden hier nicht alt- und Friedhoefe gibts auch keine. Keine Ahnung, was sie mit ihren Toten machen.
Meist sind wir so nach 4-5 Stunden Fahrt gegen Mittag am neuen Zielort, essen, richten uns ein und gehen Einkaufen- mal am Dorfmarkt, mal an der Tankstelle, mal in einem Einkaufszentrum. Eben dort, wos was gibt. In Zambia passiert es mir, dass die Frauen auf mich als Frau besonders stark reagieren. Sie fragen woher und wohin? Sie fragen 10 mal nach, ob ich wirklich selber fahre? Ob ich denn keine Angst habe? Wie lange ich das denn schon mache? Alle meine Antworten loesen lautes Oh und Uh und Wow aus! Sie koennen es nicht glauben und stellen fest: "Lady, the man is strong, but you are very strong!" Und ich denke an die Frauenrechtsdemo, an der wir nahe Lusaka vorbei gefahren sind: Frauen in Batiktuechrn singend ihre Transparente (Women together!) tragend und all die Plakate in den Doerfern, die Emanzipation verkuenden..... .
Kaufen wir am Markt ein, loesen wir mit unseren weissen Waedli Gelaechter aus, Kinder blicken uns verstohlen an, winken vorsichtig und alle schmunzeln bei den Preisen, die wir bezahlen... (Natuerlich handeln wir den Preis jeweils auch runter. Doch ist es fast Gesetz hier, dass Du nie den Preis der Einheimischen erhalelst. OK).
Ueberhaupt begegnen uns die Menschen in Zambia sehr freundlich. Die Ausnahme ist Livingstone, nahe der Victoria Falls. Die Menschen dort bekommen von den zahlreichen Touristen taeglich wie im Spiegel vorgehalten, wie arm sie sind, indem sie deren Reichtum sehen (die kommen mit dem Heli und fliegen ueber die Falls, machen Bungeejump und Riverrafting usw.). Das macht die Zambianer komisch im Umgang mit uns Weissen. In Livingstone begengneten sie uns nur mit der holen Hand, waren aufdringlich, penetrant und drohten, wenn sie nichts bekamen (etwas zu bekommen ist selbstverstaendlich), dass wir es so nie durch Afrika schaffen werden. Doch das war nur dort so. Ansonsten bist Du, sobald klar ist, dass Du kein Suedafrikaner bist, herzlich willkommen.
Wenn wir dann nach solchen Einkaufstouren erschoepft zurueck zum Zelt kommen, ist ausser dem Schatten nachruecken, lesen, wuerfeln oder einfach nichts tun nicht mehr viel los. Die Bikes etwas warten, Waesche waschen, duschen und irgendwann Nachtessen. Gesaettigt, auf alle Arten, lauschen wir dann wieder dem Radio, bis der Schlaf uns einholt.

Was ich zugeben muss, Tierwelt haben wir nicht viel erlebt in Zambia, entlang der Hauptstrasse. Obwohl, da waren die vielen Affen auf dem Zeltplatz in Livingstone, die Zebras bei Lusaka, die Antilopenherde frueh morgens bei Abfahrt, die Schildkroete, die vielen Voegel, gross, klein, farbig! Fliegende Heuschrecken so gross wie bei uns die Spatzen und so orientierungslos wie bei uns die Maienkaefer! Und natuerlich die unzaehligen Echsen und Insekten! Nicht zu vergessen den 12 cm langen Tausendfuessler, so dick wie eine Blindschleiche, der zu Dutzenden ueber die Wiesen und Strassen krabbelt (einmal war einer am Morgen unter meinem Helm- ich hatte noch den ganzen Tag das Gefuehl, ein Verwandter von ihm krabble mir noch im Helm rum... ihhh!) und die Schlangen, die die grossen Greifvoegel von der Strasse holen (und ich jedesmal hoffe, dass sie sie nicht in einem ganz dummen Moment loslassen werden...).
Ja, Zambia. "Nur" 7 Tage? "Nur" durchgefahren?


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