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23.11.03 Auf ein neues  

 

phil - Es ist noch nicht lange her, seitdem ich meinen Fuss zum ersten Mal auf den mir noch so unbekannten und durch Schule verklaerten Kontinent gesetzt habe. Inzwischen ist enorm viel passiert, so dass ich gar nicht weiss, wo ich anfangen soll. Zu kontrastreich waren die Erlebnisse, als dass sie in eine Form gepresst werden koennten. Machen sie sich deshalb bereit auf etwas gemischten Eintopf. Eine neue Welt in einem fremden Land zu entdecken, und von denen waren es bis heute schon wieder vier, bedeutet auch immer wieder turbulente Erlebnisse und neue Erfahrungen zu machen, wobei uns die bisher gesammelten eine grosse Hilfe sind. Eines haben wir schnell gemerkt, Afrika tickt anders, als alles andere, das wir bisher erlebt haben.

Bedrueckend empfand ich die Rassentrennung in Suedafrika und in weiten Teilen Namibias. Irgendwie hilflos stehe ich der Tatsache gegenueber, dass wir selbst ein Teil davon sind, denn wir bewegten uns automatisch in der europaeisch gepraegten Szene. Natuerlich sehen wir, dass in dem einen Caffe nur weisshaeutige, im anderen Caffe ausschliesslich dunkelhaeutige Menschen sitzen. Aus Angst eine uns nicht bekannte Regel zu missachten, setzen wir uns zu unseres Gleichen. Oder aber der von uns als angenehm empfundene Standard wird bei Unterkuenften halt von denen geboten, die unsere Beduerfnisse kennen, also auch wieder Auswanderer.
So war ich richtig erleichtert, als wir die Schranke "Animal Disease Checkpoint" im Norden Namibias auf dem Weg in die Caprivi Region ueberschritten und dahinter das Afrika fanden, vor dem ich mich immer gefuerchtet habe.

Vor einem Grenzuebertritt ist es mir immer ein wenig mulmig zumute, da ich nicht weiss, was hinter den Schranken (ich habe gelernt, auch Ausreisen kann ja Zeit und Geduld brauchen) kommt. So versuche ich mich bestmoeglich vorab zu informieren. Im Gegensatz dazu moechte ich auch nicht allzu viel wissen, da ich vorbehaltslos auf ein Land, eine Person eingehen moechte. So bin ich vor Ankunft an einem Grenzort aufs aeusserste gespannt, gepraegt durch die Erfahrungen in Zentralamerika, bereit fuer das Ungewisse. Hier in Afrika fallen die ersten Landeswechsel wieder besonders schwer, da wir uns so an Suedamerika gewohnt haben. Nun verlangt es wieder Kraft, sich zu ueberwinden, wie ein Kind von neuem gehen zu lernen. Am ersten Tag sind wir froh, einfach nur eine Unterkunft gefunden zu haben, in bestem Fall schon etwas Geld gewechselt und Benzin im Tank. Am Anfang kaufen wir moeglichst in oder bei Tankstellen ein, damit wir die Helme gleich wieder aufsetzen und uns in den Horizont fluechten koennen. Dann trauen wir uns taeglich mehr zu, die Schritte werden sicherer und das Umfeld vertrauter. Wir gehen zum Markt, feilschen um die Preise, fragen uns zur Baeckerei durch. Und freudig stellen wir fest: Es geht, wir leben noch!

In Namibia wird man in der erwaehnten Zone noerdlich des Kontrollpostens von den Einheimischen in der Regel recht abschaetzig und mit offenkundiger Abneigung bedient. Ist es ihnen zu veruebeln? Vom Reichtum des Landes hat die schwarze Bevoelkerung so gut wie nichts. Kamen wir jedoch nur schon dazu, kund zu tun, dass wir keine Suedafrikaner sind, so aendert sich viel im Verhalten der Gespraechspartner. Die Einwohner aller bisher besuchten Regionen, mit Ausnahme von Livingstone, ein verkommener Moloch, sind im allgemeinen enorm freundlich, hilfsbereit und ehrlich. Bis anhin wurde unsere manchmal offenkundige Unbeholfenheit zwar belacht, doch nie ausgenutzt. Die Leute, Beamte wie Haendler, sind sehr korrekt und um Welten ruhiger als wir beispielsweise Zentralamerika erlebt haben. Weder wird man staendig bedraengt noch beruehrt, wenn man zwei Geldwechslern sagt, man verzichte auf ihren Service verschwinden auch die restlichen zehn. Die Maerkte sind weniger hektisch und fuer die Anzahl anwesender Personen schon fast leise. In Afrika ist es einfach langsam, praktisch alles braucht viel Zeit. Vor jeder Konversation braucht es einleitende Worte. Zuerst begruesst man sich, dann versichert man sich gegenseitig, dass es einem gut geht und dann kommt man langsam zum verhandeln oder Formular ausfuellen. Bei letzterem scheint jeder Buchstabe eine Geburt oder aber man schweift mit dem Blick zwischendurch ein wenig umher (laesst sich von einem Kollegen aber nicht vom arbeiten ablenken) und muessen wir am Ende irgend etwas bezahlen, so ist Retourgeld auftreiben manchmal das Problem des Kaeufers.

Weshalb denn kommt dieser Kontinent denn wirtschaftlich, wenn auch langsam, auf keinen gruenen Zweig? Zambia hat vielleicht schon zu viele Hilfswerke bei sich im Land. Kein Dorf ohne Kirche und oder Hilfswerk. Dort wo sie nicht mehr sind, bauen sie wieder Strohhuetten neben die einfallenden Steinhaeuser und die nahen Aecker verkommen. Wir diskutieren viel und kommen zu keinem Schluss. Wo bleibt all das gespendete Geld? Wieso versickert Aufklaerung so schnell? Die Haltung, von den "Weissen" alles geschenkt zu bekommen, sitzt tief. Wir koennen doch keine Verantwortung fuer fehlenden gesellschaftlichen Wandel uebernehmen. So ist HIV/AIDS ein grosses Thema in Afrika, trotzdem verbreitet sich die Krankheit in enormem Tempo. Die Reaktion vieler Leute hier darauf ist, dass sie das Problem in den zu teueren Medikamenten sehen und nicht in der offensichtlich nicht fruchtenden Aufklaerungsarbeit, welche Milliarden, richtig, Milliarden westlicher Gelder verschlingt. Diese Leute prangern die boese Kapitalgesellschaft an, Schuld an der Misere zu sein. Auch bei uns brauchte es Aufklaerung, es mussten Tabus gebrochen und Verhaltensmuster angepasst werden. Weshalb funktioniert das nicht in Afrika? Traditionen sind zwar schoen und schuetzenswert, doch weshalb reicht es nicht aus, zu erzaehlen, wie man sich ansteckt und wie nicht, um diese Traditionen zu aendern oder anzupassen? Es gibt erfolgreiche Projekte, welche das geschafft haben. Genau hier habe ich mein Verstaendnisproblem: Weshalb braucht es diese Projekte von Hilfsorganisationen ueberhaupt, warum kriegen die das nicht selbst geregelt?
Der Standardkonversation "Hello, how are you?" kommt in Zambia noch der Satz "Give me money mister." hinterher. Gibt es so was wie den Geschaftssinn, so haben ihn die Zambianer nicht oder er wurde ihnen von Zeugen Jehovas ausgepredigt. "Ich habe eine Mauer gemacht" oder "Jetzt weiss ich viel mehr ueber Strom, es hat Spass gemacht", heisst es von Mitgliedern der Freikirche, von denen wir mit einigen gesprochen haben, die sich fuer einige Wochen abverdienen. Einem schreienden Kind sollte man nicht immer nachgeben und wenn man es staendig wie einen Idioten behandelt, wird daraus auch nicht viel mehr. Vor allem das "ich habe viel gelernt, es hat Spass gemacht" macht mich stutzig, es muesste doch "ich habe viel gelehrt und das gab mir Freude" heissen.
Gute Hilfswerke sind genauso schwierig wie selten. Leben wir, die erste Welt, auch eine Art Arroganz aus, oder ist es unser uneinsichtiges Gesellschaftsmuster, welches uns zu einem derart schlechten Gewissen forciert, unablaessig das Gefuehl zu haben, wir haetten fuer andere zu denken, handeln und organisieren? Ich kann es heute einem Zambianer nicht veruebeln, dass er uns wortlos die ausgestreckte hohle Hand hin haelt wenn wir vorbei fahren, wenn schon alle seine Vorfahren so leben konnten.

An der aktuellen Situation haben wir gleichen Anteil. Meine persoehnliche Meinung, die ich mir gebildet habe ist die, dass saemtliche Hilfsgelder gestoppt werden sollten. Das mag hart klingen, doch muss man dieser Gesellschaft auch die Chance lassen, zu lernen Selbstverantwortung zu uebernehmen und sich vielleicht einmal zu wehren gegen Diktatoren und Unterdruecker, welche das eigene Volk ausbeuten. In unserer Kultur werden Kinder unter anderem dadurch erzogen, dass wir nicht einfach geben, sondern durch Belohnung. Weshalb trauen wir das Afrika nicht zu? Dumm sind sie nicht, die Einwohner Afrikas. Vielleicht etwas kurzfristig im denken, doch das gehoerte zum Lernprozess. Doch weshalb sich anstrengen, wenn immer jemand kommt, sobald man schreit?
Dies bedeutet nun nicht, dass wir den Kontinenten ignorieren oder meiden sollen. Im Gegenteil. Reisen sie durch Afrika, sehen sie sich das wunderschoene Land an, handeln sie am Markt, in den Hotels, handeln sie an Staenden und in Restaurants. Der Handel bringt langfristig Reichtum.
Meine Haltung beschraenkt sich nicht nur auf Afrika, beispielsweise auch in Argentinien sind waehrend der letzten Wirtschaftskrise Menschen verhungert. Dabei ist Argentinien eines der reichsten Laender, die ich je gesehen habe. Das Land hat Suesswasser, foerdert den Eigenbedarf und exportiert sogar Mineraloel, hat unendliche Steppen fuer die Viehhaltung, fruchtbarstes Land im Innern, auf welchem von Aepfeln zu tropischen Fruechten alles gedeiht und waechst. Argentinien hat vielfaeltigste Regionen mit denen sie riesige Massen von Touristen anziehen koennen und verfuegt sogar schon ueber eine intakte Infrastruktur. Da muss Misswirtschaft der uebelsten Sorte betrieben werden, um diesen Reichtum nicht gleichmaessiger zu verteilen. Und diese Misswirtschaft decke ich nicht noch, indem ich durch Spenden die grausame Auswirkung verharmlose.

Aber was erzaehle ich ihnen da schon, interessiert sie wahrscheinlich eh nicht. Dabei geht die Schoenheit, welche wir unterwegs erleben, ebenfalls klaeglich unter. Die Landschaft Suedafrikas ist so vielfaeltig schoen, von zweien Meerern, die sich am Kap beruehren, die weissen Straende, der frische Wind, bis zu sanften Huegeln und felsigen, spitzen Bergen. Eigentlich nur in Traeumen sind Gegenden derart grazioes. Namibias Wuesten sind enorm abwechslungsreich. Alle hundert Kilometer ist es, als haette der groesste aller Kuenstler ein neues Buehnenbild gemalt, eines faszinierender als das andere. Dann Zambia und Tansania, mal gruen, mal trocken karg, meistens recht hoch und huegelig, auf tollen, asphaltierten Strassen brausen wir dem Aequator entgegen. Wir stehen vor Sonnenaufgang auf, um das durch die ersten Strahlen besonders erglaenzende Land zu bestaunen, freuen uns hier zu sein und es ist mir komplett egal, wenn ich nachmittags am Markt eine Banane weniger bekommen fuer das gleiche Geld das ein Einheimischer bezahlt, der Verkaeufer strahlt bis ueber beide Ohren und die Nachbarn lachen laut. Die da am Stand sitzen, denen gebe ich gerne.


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