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01.12.03 Durch Afrika getrieben  

 

phil - Die Bevoelkerungsdichte errechnet sich einfach, indem die Anzahl Bewohner eines Landes durch dessen Flaeche in Quadratkilometer geteilt wird. In Afrika sind das Zahlen wie 54.3 (Kenya), 13.7 (Zambia) oder 2.3 (Namibia) verglichen mit europaeischen Kennzahlen, e.g. 177.2 (Schweiz), 230.8 (Deutschland), 97.6 (Oesterreich) so gut wie menschenleer. Umso erstaunlicher ist es, dass Jasmin und ich alles andere als alleine sind, im Gegenteil, oft haben wir die liebe Muehe, fuer eine kurze Pause oder das Mittagessen unsere Ruhe zu finden. Denn die Menschen leben nicht mathematisch gleichmaessig verteilt, sondern rotten sich entlang der Strasse, die wie Adern das Land wirtschaftlich erhalten. So fahren wir allmorgendlich inmitten einer regelrechten Voelkerwanderung entlang dem Strassenrand, bis uns in der gleissenden Hitze am Nachmittag nur noch Augenpaare aus den wenigen uebrig gebliebenen Schattenplaetzen begleiten.

In subsahara Afrika ist das taegliche Wasser holen eine der Hauptbeschaeftigungen vieler Leute, meist der Frauen. Die Maenner transportieren auf ihren Fahrraedern zumeist Kohlesaecke, Backsteine oder Lehmziegel, manchmal geflochtene Koerbe gefuellt mit Fruechten. Bis an den Rand eines Achsenbruchs beladen sie ihr Arbeitsgeraet und stossen es schweisstreibend ueber die Huegel zur naechsten Ortschaft mit einem Markt. Bei diesem allmorgendliche Strassenbild komme ich mir manchmal vor, als sei ich in der Zeit nach hinten gereist, teilweise ganz unwirklich, wie in einem Buch laengst verstorbener Schriftsteller.
Dementsprechend wenig ist das Angebot an Importprodukten aus westlichen Laendern. Selbst in den Metropolen Tanzanias und Zambias ist das Angebot kaum mehr als ein lokales Spiegelbild. In Tanzania lebt die Landwirtschaft, der Wald wurde fast vollstaendig gerodet. Dieses Bild des regen Ackerbaus taeuscht und verdeckt die Armut, die groesser ist als die in Zambia, wo es zwar noch Wald gibt, dieser aber gnadenlos zur Herstellung von Holzkohle nieder gemacht wird, zurueck bleibt Gestruepp und Jungholz. Zambia hat ein Wimpernschlag mehr Industrie und Mineralstoffe, was das Bruttoinlandsprodukt ueber das Niveau Tanzanias hebt. Beruecksichtigt man jedoch die Einkommensverteilung und die Nahrungssituation, so geht es dem Zambianer schlechter, BIPs hin oder her. Eine duestere Zukunft fuer beide Laender, scheinen vor allem auch in Tanzania repressive Machthaber erfolgreich gegen wirtschaftliche Weiterentwicklung vorzugehen.

In Afrika ist es nicht moeglich, alleine zu sein. Es hat immer, immer irgendwo Leute. "Hello mister", "how are you?", "Jambo" (Hallo auf Swaheli), "Good afternoon" usw. In einem Migrosrestaurant zur Mittagszeit bin ich ungestoerter. Das nervt zuweilen, da es nicht etwas ist, was sie unter einander machen wuerden und vor allem in Touristenzentren kann es zu einer richtigen Plage werden. Kinder die hinter einem her laufen und "Weisse, Weisse!" auf Swaheli rufen stoeren mich nicht. Sie zeigen mir, dass es etwas zwischen Political Correctness und Rassismus gibt, die kindliche, freudige Neugier mit natuerlichem Selbstbewusstsein. Doch Wissen verpflichtet.
A propos Wissen: Menschen bildet euch! Die Auswuechse mangelnder Bildung nehmen hier zu Lande wieder kuriose Formen an. Generell sind die Leute, gerade auf dem Land, besser geschult, als ich das in Suedamerika erlebt habe. Von Geographie haben die meisten eine recht gute Vorstellung, nicht aber von Zahlen. Rechnen von Kopf geht nicht, ein Taschenrechner hilft da auch nicht viel, selbst wenn man Geldwechsler ist. Und so ist das Misstrauen uns gegenueber manchmal groesser als umgekehrt, wenn wir versuchen, am Markt einen Mengenrabatt zu erzielen oder wir dem Geldwechsler vorttippen, dass er uns fuer die Dollars nicht zehn mal zu viel geben sollte. Langer Rede, kurzer Sinn: Wir haben noch nie Mengenrabatt bekommen. Fragen sie nach dem Preis fuer die Menge, die sie kaufen wollen, machen dann ein Gegenangebot das etwas unter der Haelfte des genannten Betrages liegt und treffen sie sich irgendwo in der Mitte.
Die Bildungsqualitaet zeigt sich auch immer wieder in der Tatsache, dass Woerter keinen Sinn haben, sondern als reine Begriffshuelsen verstanden werden. So ist "unverbleit" kein Merkmal von Benzin, sondern der Name eines Gemisches, welches sie bei BP verkaufen. Es war mir in Tanzania nicht moeglich, trotz vieler Anlaeufe, heraus zu finden, welche Benzine verkauft werden. Sie hiessen "Super", "Premium", "Unleaded" und noch ganz anders, jede Marke hat ihre eigenen Namen, was aber verkauft wird, das vermag niemand zu sagen. So laeuft es auch mit anderen Produkten. Auf die Frage haben sie "Cola Light" bekommt man eine verneinende Antwort, wenn da "Diet Coke" auf der Buechse steht. sie koennen lesen, doch wird dies dann nicht interpretiert.

Das Leben in den Doerfern beginnt frueher, als in Staedten, versandet jedoch auch schon vor elf Uhr wieder. Im Morgentreiben werden wir nicht nervig angesprochen und wann, dann nur von Randstaendigen, die weltweit in der Naehe aller Bahnhoefe und Maerkte zu finden sind und alle Leute anpoebeln, die vorbei gehen. An den Marktstaenden selbst, die sich in und rund um eine Markthalle draengeln, haben wir auch in Afrika wie schon in Latinamerika das Gefuehl, freudig und freundlich behandelt zu werden. Erkennen die Haendler, dass wir uns nicht nur aus billiger Neugier und zum schiessen von Fotos durch die engen Gaenge schlaengeln, die wuerzig trockenen Duefte der Kornwarensektion oder die suessfeuchten Gerueche frischer und weniger frischer Fruechte- und Gemuesestapel einatmend, sondern dass wir uns mit den angebotenen Waren eindecken, so hoeren wir nicht selten ein warmes "welcome".

Bei den Afrikareisenden hoere ich immer wieder den Spruch "Entweder liebt man Afrika, oder man hasst es". Es ist ohnehin zu frueh fuer ein Urteil und nach all dem, was ich erlebt habe und noch erwarte, so vermute ich beispielsweise in Nordafrika nochmals eine ganz andere Gangart, ist eine solche Pauschalaussage nicht gerechtfertigt. Nun, bis zu diesem Zeitpunkt liebe ich Afrika nicht - bei seiner Liebe moechte man bleiben, in Afrika bleiben moechte ich jedoch nicht - was nun auf keinen Fall heissen soll, dass ich es hasse. Im Gegenteil, ich geniesse jeden Tag hier, vor allem diejenigen, an denen es weiter geht, vorwaerts, der Nase nach, jeder Tag ist ein Geschenk. Gegen aussen habe ich immer die Meinung vertreten, dass ich oder wir die Reise jederzeit abbrechen koennen, ohne das Gesicht zu verlieren, am meisten vor sich selbst. Nun da ich hier in Afrika bin kann ich zugeben, dass es mich schon gekratzt haette, frueher zurueck zu kehren und danke an dieser Stelle auch meinen Freunden in der Schweiz, welche mir waehrend meiner grossen Krise in Nordamerika zum weiter fahren geraten haben. Seit ich in Kapstadt angekommen bin verspuere ich nun das glueckliche Gefuehl der Genugtuung. Mein Hauptziel habe ich mit dem betreten des Kontinentes erreicht, jeder Tag an dem ich gesund weiter fahren kann, ist eine Zugabe zu einem schon jetzt unvergesslichen Erlebnis. Und so fliegen die Kilometer leichter denn je an mir vorbei. Haette ich das Geld, so kaeme ich noch lange nicht nach Hause und eine Schlaufe ueber Asien waere mehr als wahrscheinlich. Jeden Tag das Zelt abbrechen und an einem neuen Ort aufstellen, das macht mir unheimlich Spass, nimmt mir nicht, sondern gibt mir Kraft. Der befriedigte Ehrgeiz macht mich vogelfrei und es ist ein Genuss, nochmals das Nomadenleben mit all seinen unbequemlichkeiten auszukosten, bevor ich mich wieder irgendwo fuer eine laengere Zeit nieder lasse. Diese kommt absehbar naeher, so sagt jedenfalls mein Kontostand. Uebrigens, wir sind komplett innerhalb unseres Budgets, was Zeit, Kilometer und Geld betrifft, was ich mit Stolz erwaehnen moechte. Gerade das absehbare Ende steigert die Freude am Jetzt und die Vorfreude gleichzeitig. Mensch, was will ich mehr?


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