19.12.03 Von den Aerzten, oder bin ich noch zu retten?  

 

phil - Vielleicht habe ich das eine oder andere schon einmal erwaehnt, es ist zwischendurch ja auch das eine oder andere passiert. Doch habe ich schon von unseren Krankheiten berichtet, abgesehen vom Reisefieber, welches nicht zu verheimlichen ist? Nun, wir waren ein, zwei, drei, nein, warten sie, aehm Malaria, Gelbfieber, Floehe, Wuermer und Salmonellen, Seekrankheit - nein, wir waren nie krank. Abgesehen von einem Anflug einer leichten Erkaeltung, wie man sie sich in meiner Heimatstadt gerade im Fruehling und Herbst mindestens eine holt. Allmorgendlich pfercht sich die Arbeiterklasse in die blau-weissen Trams und uebertoent in den beiden labilen Jahreszeiten mit ihrem Husten und Niessen sogar den Laerm der neuen Cobrakomposition. Eine Bakterienbuechse, da gibt es kein Entrinnen. In den ersten Wochen halte ich jeweils mit eisernem Willen und Atem anhalten so gut es geht dagegen, vergeblich bis heute die Anstrengungen.

Wenn etwas dauerhaft schaden genommen hat, dann ist das mein Gehoer, schon vor der Reise nicht mehr das Beste. Das staendige droehnen und pfeifen des Fahrtwindes im Helm belastet und irritiert mein Organ dermassen, dass es mitlerweilen auch Nachts ueber keine Pause mehr macht und ununterbrochen ein Signalton aussendet. Das erinnert schwer ans Pfeifen am TV zu Zeiten, wo um halb ein Uhr morgens nur noch Standbilder zu sehen waren. So verspuere ich, meine Ohren auf stand-by, jeweils weniger Lust auf Musik, als ich das vor Abreise noch angenommen habe, hatte ich doch speziell noch einige Lieder zum mit nehmen aufgenommen.

Angefangen hat eigentlich Jasmin. Sie setzte sich schon wochenlang vor dem Start an den PC, um CDs und Lieder zusammen zu tragen, hat Listen gemacht und die ideale Zusammenstellung fuer alle Gemuetsstimmungen ausgetueftelt. Mit einer stolzen Beige an Mini Discs fuer saemtliche Gelegenheiten brachte sie mich in Verlegenheit und so stellte ich in der Nacht vor Abflug ebenfalls noch meinen Stapel zusammen. Doch fuer welche Songs soll man sich entscheiden? Auf was werde ich dann nach acht Monaten in Afrika Lust haben zu hoeren? Ich entschied mich fuer jeweils zwei Stunden Rock neuerer Generation, von Korn bis Creed, deftige Klassiker von Metallica ueber Sacred Reich bis Sepultura, eine Kiste Musikgeschichte von Led Zeppelin bis Rolling Stones, gesammelte Heimaterinnerungen in berndeutsch mit Kuno und Polo, zeitlose Eleganz italienischer Vokalisten von Zucchero bis Masini und zu guter letzt ein dreckiges Dutzend Sprechgesang alter und duenner Koenner. Von mir aus konnte es los gehen.

Doch wie ich schon verraten habe, wir haben uns getaeuscht. Das strapazierte Gehoer ertraegt am Abend nach Ankunft keine Musik mehr. So haben wir beide aus Kapstadt unsere Stapel an Disketten, zum Teil ungehoert, bis auf jeweils zwei Notreserven, dem Paket nach Hause bei gelegt. Das soll kein Zeichen dafuer sein, dass mir Musik auf der Reise, der Ausdruck ist billig aber treffend, ausgefahren ist. Im Gegenteil, Musik allgemein und Musik machen im speziellen halte ich nach wie vor fuer das Beste aller sinnlosen Hobbies. Musik begleitet mich taeglich auf der Fahrt, verkuerzt die Zeit oder macht sie erst ertraeglich. Meistens schwirrt sie gedacht nur im Kopf, schlaengelt sich waehrend eines ganzen Tages als Ohrwurm durch die Hirnwindungen. Die zehrende Kaelte in Patagonien laesst sich wunderbar aussingen, es muss nur laut genug vorgetragen werden. Dabei kam mir die ernuechternde Erkenntnis, dass Musik hoeren nicht mehr den selben Stellenwert in meinem Leben einnimmt, wie noch vor zehn Jahren.
Es gibt die grauen Panther, welche trotz hohem Alter noch seitenweise Schiller und Goethe zitieren koennen als haetten sie die beiden noch gekannt. Mir aber wurde bewusst, dass bei mir eine knappe Dekade dazu ausreichte, saemtliche dreihundert Liedertexte, die ich auswendig kannte, zu vergessen. Und bei den neueren Liedern fehlt irgendwie das Herzblut, das es braucht, sich Strophe um Strophe zu merken.
So singe ich unablaessig die gleichen drei Stuecke von Depeche Mode und auch bei diesen kommt der Refrain oefters vor als im Original. Irgendwann wird einem das selbst zu peinlich oder der Hals schmerzt, wenn zum dutzendsten mal "it's a competitive world" Vaeterchen Frost ins Ohr gebruellt wird. Dann wechsle ich die Disziplin und lege mich als Auktionator in die Riemen. Restlos alles, was am Strassenrand steht, sei es eine Kilometermarke oder eine Milchkuh, wird zu Hoechstpreisen einem aeusserst vielfaeltig interessierten Publikum verkauft.

Im heissen Afrika nun bewaehrt sich die verbleibende Reserve doch noch. Hatten wir in den Amerikas staendig gewohnte Musik oder Nachrichten aus Lautsprechern oder Fernsehgeraeten um uns, kaum haben wir den Helm abgezogen, so kehrt im gemaechlichen Afrika mit Sonnenuntergang die Ruhe ein. So bin ich in den letzten Wochen schon mehrmals froh gewesen, in den Nachtstunden dem monotonen Pfeifen von Hoerschaden und Grillen fuer einige Minuten zu entfliehen, bis der Schlaf den Bewusstseinsschalter umlegt.

Am Tag bevor wir Nairobi verlassen haben, um uns die Strecke nach Aethiopien anzutun, bekam ich ein Mail meiner Schwester, sie haette Karten fuer ein Konzert der Aerzte im Hallenstadion. Zu der Zeit, als wir diesen mehr glaubten als allen Doktoren der Welt, gab es die Band zwischenzeitlich nicht mehr. Damals hatten wir uns versprochen, wenn wir einmal in unserem Leben die Gelegenheit haetten, an eines ihrer Konzerte zu gehen, wuerden wir dies ohne Ruecksicht auf Alter und soziale Stellung tun.
Die Strecke nach Aethiopien ist zwar nicht weit aber lang und ich hatte viel Zeit. Und die Aerzte haben mich bis an die Grenze begleitet. Claudia, Erna P., Gwendoline und alle anderen 2000 Maedchen waren mit dabei. Mir sind Sachen eingefallen, ich hatte schon das Gefuehl, meine Haare wachsen grau und Goethe, das ist doch gar noch nicht so lange her.


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