21.12.03 Der Guatemala Effekt  

 

Die Berichte und Erzaehlungen von Reisenden, die uns auf ihrem Weg nach Sueden in Afrika entgegen kommen und mit welchen wir ins Gespraech finden, sind mehrheitlich eindeutig: Aethiopien ist ein ganz hartes Pflaster. Mit Steinen aufgeruestete Kinder zaeumen den Strassenrand, bereit jedem Weissen eine Ladung nach zu werfen, wenn dieser in seinem Auto oder auf seinem Motorrad passiert. Selbst ein Fahrradfahrer, will einer wissen, sei nicht verschont worden und das Wurfgeschoss haette diesem eine Rippe gebrochen. Dem vulkanischen Verhalten entwachsen, beschaeftigt sich jeder Aethiopier zur Hauptsache mit dem beklauen und ausrauben von Touristen. Restlos alles was nicht angeschweisst ist, wird unter aller Augen und am helllichten Tag stiebizt, wenn gleich das Treiben der Diebe plump und leicht durchschaubar ist. Fuer Dumm wird man also auch noch verkauft. Als ob das nicht genug waere, saugen einem in der Nacht Muecken, Wanzen und Floehe, die in jeder Matratze lauern, das restliche Blut aus den Adern. Da hilft nur der rettende Grenzuebertritt nach Kenya, sofern man nicht von dem Dutzend glotzender Personen gelyncht wird, die schlicht und einfach ueberall stehen, sobald man laenger als dreissig Sekunden rastet. Wie kann so etwas ueberhaupt sein, dieser Gegensatz, nachdem die Sudanesen doch das liebste Volk der Welt gewesen ist, da muesste doch mindestens ein wenig aufs Nachbarland abfaerben.

Skeptisch hoeren wir uns diese Berichte an, zunehmend eingeschuechtert und mit einem mulmigem Gefuehl halten wir uns an rare positive Erlebnisberichte wie an Strohhalme. Nach achthundert Kilometern und zehn Tagen Aethiopien sind uns Jasmin und ich, egal was auf der zweiten Haelfte der Landesdurchquerung noch passieren mag, einig: Das ist der Guatemala Effekt.

Nachdem wir uns, nach anfaenglicher Angewoehnungszeit, in Mexico sehr wohl gefuehlt haben, schlug der Schock in Guatemala ein wie eine Bombe. Das auswaertige Amt unseres Landes warnt in voller Schaerfe und umfaenglich vor den oertlichen Verhaeltnissen. Wir, mit Angst in den Hosen, trauten darauf grundsaetzlich keinem Guatemaler ueber den Weg und wurden trotz oder gerade deshalb prompt an der Grenze kraeftig uebers Ohr gehauen. So schnell wie moeglich raus aus diesem gottverlassenen Land. Der Helm wird nur zum schlafen abgezogen, ansonsten den Kopf eingeduckt, die topographische Geschwindigkeitsbegrenzung bis ans Limit ausreizend, retteten wir uns nach El Salvador.
Von da an war alles besser. Immerhin hatten wir nochmals Glueck, sind mit dem Leben davon gekommen. Auch hier in El Salvador stinkt es von den wenigen Fahrzeugen zum Himmel, es ist immer und ueberall enorm laut, drueckend heiss, man wird umzingelt von Schaulustigen und Muecken und Hunde geben einem den Rest. Doch hey, das ist Zentralamerika! Wem das nicht gefaellt, der muss ja nicht her kommen. Die Leute in El Salvador und suedlicher sind ja so lieb, herzlich und hilfsbereit, das wirft mehr als genug Gewicht auf die polierte Seite der Waagschale.

Auch damals in Zentral- und Suedamerika haben wir Reisende getroffen und haben versucht, unser Erlebtes und schwer verdaubares zu teilen. "Seid ihr auch beschissen worden an der Grenze zu Guatemala?", in voller Erwartung einer Horrorgeschichte, welche die eigene relativiert. Doch niemand konnte uns das Gefuehl nehmen, wenigstens nicht die einzigen gewesen zu sein. "Transitgebuehren, nein, so was haben wir nicht bezahlt." oder "Unser Grenzuebergang verlief ganz im ueblichen Rahmen.", waren so etwa die Antworten auf unsere Fragen.
Zeit verging und unsere Erfahrungen sammelten und sammeln sich unablaessig an und zeigen uns neben den geschilderten Berichten anderer Reisenden deutlich auf, dass wir dem Guatemala Effekt erlegen sind. Was nichts anderes heisst, als dass wir geblendet und schockiert wurden von falschen Erwartungen und uebertriebenen und geschuerten Aengsten. Diese machten zum einen Blind und verwaesserten unseren Instinkt. Natuerlich gehoert auch Guatemala zu Zentralamerika und weist alle dessen Ecken und Kanten, dort erlebtes, ebenfalls auf. Nur eben, es war unser erster Staat in diesem Umfeld, unser Einstiegsland mit solchen Bedingungen. Wir waren schlicht und einfach ueberfordert. Und so ist noch heute Guatemala fuer mich das schrecklichste Land ueberhaupt, kein guatemalischer Diplomat koennte mich, auf Knien rutschend und mit einem Gratisticket in der Hand, umstimmen.
Gleich wie es uns in Zentralamerika ergangen ist, muss es den Reisenden ergehen, die in Europa nach Afrika starten. Erst wirds heiss, dann immer sandiger und dann noch schwarz! Der Asphalt hoert auf, Dritte Welt, Aethiopien. Fuer Nord-Sued Reisende aus Europa muss dieses Land sein, was Guatemala fuer uns ist.

Aethiopien fordert enorm, doch nicht auf die Art, wie ich das aufgrund der Erzaehlungen vermutete. Die miserable Versorgungslage kann ein Problem werden, gerade wenn der Platz zum transportieren begrenzt ist. Sehr schwierig empfinde ich mit dem umzugehen, was man sieht, wenn man nicht mit Scheuhklappen durch die Strasse geht. Krueppel, Gebrechen, bettelnde Kinder. Die Entschuldigungen die man fuer sich finden muss, gegen die Hilflosigkeit. Steine wurden uns kein einziges mal zugeworfen. (Anm.: Auch auf der zweiten Haelfte der Distanz blieben Steine aus). Im Gegenteil, die Herzlichkeit, mit der man mehrheitlich empfangen wird, war ueberwaeltigend. Die Menschen haben uns gewunken, sie kamen angerannt, haben uns zugejubelt, in die Haende geklatscht, Daumen hoch gehalten, sogar getanzt. Jasmin bekam Handkuesse zugeworfen, keine Steine.
Nun, es ist nicht nur eitler Sonnenschein im Land mit dreizehn Monaten, auch wenn dies das Touristikbuero in ihren Brochuren versprechen (Aethiopien zaehlt zwoelf Monate an dreissig Tage und einen Monat an fuenf, resp. sechs Tage). Es waere falsch zu verheimlichen, dass wir nicht auch zwei, vielleicht drei jugendliche, allesamt maennlich, gesehen haben, die ins Kies gegriffen haben, als sie uns entdeckten. In dieser Situation habe ich einmal auf die Person gezeigt, mit ausgestrecktem Finger, die anderen Male habe ich besonders ausschweifend gewunken. Zurueck kam kein Kies, sondern Lachen und ebenfalls Winken.

Es ist mir bewusst, dass wir davon profitieren, zum einen auf einem ungewoehnlichem Gefaehrt daher zu kommen, welches uns zum anderen die Moeglichkeit gibt, uns gewissen Situationen zu entziehen, indem wir davon fahren koennen. Drei Fahrradreisende, die haerteste Art Afrika zu bereisen, haben uns von ihren Erlebnissen berichtet, da klingt es dann schon nochmals anders. Auch sie waren einstimmig der Meinung, dass der Ablauf einer Begegnung hauptsaechlich mit dem eigenen Verhalten gesteuert werden kann. Hauptsaechlich, aber nicht immer. Es gibt die Situation, belagert und bestuermt von dutzenden von Leuten, da irgendwann der Punkt kommt, an dem alles gesagt ist. Wer man ist, woher man kommt und weshalb man nicht auf der Stelle sein Hab und Gut verschenkt. Ein drueckendes Vakuum entsteht. Kippt an diesem Punkt die Stimmung ins Negative, so haben wir die Moeglichkeit, los zu breschen, waehrenddem der Fahrradfahrer auf der Geroellpiste der Masse gnadenlos augesetzt ist und auch schon mal einstecken musste.
Die Defender- Bewegung haelt sich eventuell etwas zu sehr an den Namen ihres Gefaehrtes. Ich kann mir vorstellen, dass viele nicht ein einziges Mal die Scheiben runter kurbeln, geschweige denn aussteigen, sofern sie sich nicht in einem Innenhof eines Hotels befinden. Kein Witz, viele Weisse fahren vor einem Laden vor, lassen fuer sich von einem Lokalen einkaufen und zum Wagen bringen und verlassen die Gegend sogleich wieder, ohne auch nur das eigene Gewicht auf die andere Arschbacke verlagert zu haben. So kann es natuerlich sein, dass ihr Image in der ansaessigen Bevoelkerung nicht das beste ist. Mit dem Motorrad ist unser Kontakt zu den Menschen zwangslaeufig ein anderer. Futuristisch in Toeffkombi und glaenzendem Helm, aussergewoehnlich und doch koennen wir angefasst werden, und das wird man von Zeit zu Zeit auch mal, nur um zu sehen, ob das Mensch oder Maschine ist. Dabei haben wir immer noch den Vorteil eines motorisierten Antriebs, aus besagtem Grund.

Ansonsten ist Aethiopien aehnlich wie der bescheidene Rest von Afrika, welchen ich bis anhin erlebt habe. Vergleichsweise ruhig, geordnet, korrekt, sieht man von dem wilden Gedraenge vor jedem Postschalter ab. Dieses Gedraenge bin ich mir zwar nicht gewohnt aber es ueberrascht mich, mit der Erfahrung der ganzen Reise, auch nicht mehr. Da lange ich halt auch, auf Zehenspitzen stehend, ueber drei Leute hinweg, um an meine Briefmarken zu kommen. Manchmal bin ich mir auch nicht sicher, was Touristen von Afrika erwarten. Latschen im Zentrum von Addis Ababa herum und umklammern dabei einen auf dem Bauch getragenen Rucksack dermassen, dass auch ich den Eindruck habe, dass da mindestens drei Goldbarren drin sind. Eine Bekanntschaft meint, dass sie Afrika so toll finde, da alles immer so langsam vor sich gehe, so auch und da vor allem, bei den Banken. In Afrika koenne sie sich dann jedoch einfach mitten in der Bank auf den Boden setzen und warten. Nun, ich weiss nicht, in welchem Land sie sich auf den Boden einer Bank gesetzt hat. Aber ich erlebe die Afrikaner bis anhin durchgehend als ein sehr stolzes Volk und keiner wuerde es jemals wagen, und ich war nun schon auf einigen Banken, sich an diesem Ort, meistens das schickste Haus im Dorf, auf den Boden zu setzen. Das ist nur moeglich, weil sie Gaeste mehrheitlich bevorzugt behandeln.

Noch einen Tipp zum Ende: Morgenstund hat Gold im Mund und ganz sicher keine Steine in den Haenden. Waehrend den ersten paar Stunden nach Sonnenaufgang verlaeuft immer alles noch viel ruhiger. Kein Anquatschen, dafuer aber auch noch nicht soviel Gewinke.
Dabei noch was: Die Zeit ist in Aethiopien um sechs Stunden verschoben, der Tag und damit die Stundenzaehlung beginnt mit Sonnenaufgang, also sechs Uhr morgens nach unserer Messung. Einige Aethiopier tragen deshalb zwei Uhren. Am einen Handgelenk die Aethiopier Zeit, am anderen diejenige, nach welcher der Rest der Welt tickt. Und wiederum einige von den ganz wenigen, die eine Uhr tragen, haben eine solche nur als Symbol. Lange her, dass diese defekten Ticker jemals die Zeit angegeben haben...


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