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26.12.03 Eine etwas andere Weihnachtsgeschichte
jazz - Wann begann es? Dieses komische Gefuehl? Dieses: mir fehlt etwas, doch ich vermisse nichts? Wahrscheinlich fing alles mit unserer Ankunft in Kapstadt, Suedafrika an, damals anfangs November 2003. Wir hatten winterliche Kaelte im September in Patagonien, fruehsommerliche Waerme in Buenos Aires, Argentinien und zuletzt hochsommerliche Hitze in Brasilien Ende Oktober hinter uns. Sprich das Jahreszeitenchaos nahm seinen weiteren Irrlauf mit unserer Ankunft im fruehlingshaften Kapstadt. Waehrend mir Freunde von zu Hause via Mail vom ersten Schnee berichteten, von Halloweenparties erzaehlten, fuhren Phil und ich in den kargen Steppen- und Wuestenlandschaften Namibias umher- bei ueber 40 Grad am Schatten. Mir fehlte irgendwie der gewohnte Jahreszeitenrhythmus, doch vermisste ich weder den Nebel noch die kuehlen Temperaturen die in der winterlichen Schweiz herrschen. Es ging schon dem Ende der ersten Dezemberwoche entgegen, als Phil und ich erschrocken feststellten, bereits mitten in der ersten Adventswoche zu stecken! Wo bleiben die vorweihnachtlichen Gefuehle, die Gelueste typisch fuer die Adventszeit? Da wir uns bereits irgendwo in Tanzania aufhielten, in muslimischem Glaubensgebiet also, gab es auf der Strasse, im Alltag, in den Kaufhaeusern die es nicht gab, im Fernsehen das wir nicht hatten, in den Zeitungen die wir nicht verstanden (komisches Schriftbild..) keinerlei Anzeichen von Weihnachen, Christenfest oder Adventszeit. Das heisst fast keine Anzeichen. Ganz selten sahen wir, am ehesten noch an den Tankstellen von Shell und BP, grafittiaehnliche, einfache Schriftzuege an Mauern oder Fenstern wie "Merry Christmas" oder "Happy New Year". Strassenbeleuchtung ist in Afrika sowieso nicht vorhanden, weshalb also ausgerechnet zur Weihnachtszeit? Und bei Kerzenlicht zu sitzen, wenn es draussen dunkel wird, naja, fuer viele Menschen in Afrika ist das jeden Tag so. Mandarinen, Orangen und Nuessli, die fleissigen Leser wissen spaetestens ab dem Bericht "Eintopf", dass dies alles laengst zu unseren Hauptnahrungsmitteln gehoert (kein Witz), und nicht nur ein Weihnachtsgaumenschmaus ist. So waren es denn vor allem die Fragen meiner Freunde und Verwandten in den Mails, die mich immer wieder daran erinnerten, Weihnachten vor der Tuer zu haben. Fast immer in diesen Mails wurde dann auch vom Weihnachtststress gesprochen; entweder bei der Arbeit, mit der Familie oder beim Einkaufen. Wenn Phil und ich etwas nicht sind, dann im Weihnachtstress. Nicht dieses Jahr und, ehrlich gesagt, all die anderen Jahre zu Hause auch nicht. Denn, so behaupte ich, keiner wuerde den Weihnachtsstress Jahr fuer Jahr auf sich nehmen, wenn er oder sie nicht auch einen Gefallen daran finden wuerde. Ich behaupte sogar, Stress kann Spass machen, besonders an Weihnachten. Ob wir uns dieses Jahr Geschenke machten? Was wir einander schenkten? Das bleibt, genau wie all die Jahre zuvor, ein gut behuetetes Geheimnis. Mit wem wir feiern werden, was wir fuer ein Menue kochen werden? Wo wir dieses Jahr den Baum kaufen werden, das allerdings sind Fragen, die wir uns dieses Jahr nicht stellen mussten, und ich bin froh darueber. 24.12.03. Es ist 5.55 Uhr, als meine Armanduhr losgeht. Phil und ich sind beide schon, wie ueblich, seit etwa 5 Uhr wach und stehen nun mit dem Klingeln irgendwie erleichtert auf- die Nacht hat ihr Ende gefunden und wir duerfen weiter. Wie gewohnt essen wir im Bett unser Fruehstueck, auch heute wieder ein Stueck trockenes Brot, je ein hart gekochtes Ei, eine Banane und viel Wasser. Danach packen wir alles zusammen waehrend draussen langsam die Sonne aufgeht. Wir befinden uns in Dejen, Ethiopien, auf gut 2500Metern. Heute liegt eine 260km lange Offroadetappe vor uns nach Bahar Dar an den Lake Tana. Benzin konnten wir gestern schon auftreiben, bei einem gewifften Barbesitzer im Hinterzimmer (die Tanstelle hatte keinen Tropfen mehr..), zu einem guten Preis. So fuhren wir kurz vor 7 Uhr los. Es war eine der schoensten Etappen bisher in Afrika! Wir fuhren auf meist gut erhaltener Kiespiste auf dem 2500m Plateaux, entlang den roten, gelben und weissen Felsen. Durch Buschhausdoerfchen, vorbei an 100erten von jubelnden und winkenden Kindern und Erwachsenen, durch Kuhherden, Eselkaravanen und Ziegengruppen. Noch nie sah ich an Weihnachten so viele Esel, Ochsen und Ziegen, wie dieses Jahr! Wir hatten viel Zeit und waren erleichtert ab dem guten Zustand der Strasse und ab der Tatsache, dass wir mehr oder weniger auf der selben Hoehe blieben und nicht wie gestern runter auf 1000m und wieder rauf auf 2500m mussten, als wir den Nil ueberquerten! Doch das alles soll nicht heissen, dass es nicht anstrengend war. Wir fuhren ueber 6 Stunden fuer diese Etappe, waren mehr als 8 Stunden unterwegs und ganz schoen verschwitz (trotz der Hoehe ist es gegen die 30 Grad heiss), als wir in Dahar Bar ankamen und als erstes eine Tankstelle aufsuchten- wie immer. Denn das haben wir in Afrika gelernt: zugreiffen, solange es hat. Wer weiss, morgen hats evtl. keinen Strohm, kein Benzin oder keinen der arbeitet- alles schon gehabt.. . An der Tankstelle fragen wir nach dem Stadtzentrum. Einer der unterdessen an die 20 Maenner, die wie jedesmal um uns herumstehen, wenn wir tanken, konnte tatsaechlich English und half uns. In empfohlene Richtung fuhren wir los und fanden bald ein Hotel; direkt am Lake Tana, graeumiges Zimmer mit eigenem WC und Dusche. Hier werden wir also Heilig Abend feiern. Doch zuerst mussten wir, ebenfalls wie jeden Tag, einkaufen gehen. Also raus aus den Toeffklamotten, rein in die anderen verschwitzten Kleider (die "frischen" gibts erst nach der Dusche; nach dem Einkaufen) und los gehts. Vom Hotelgelaende weg verfolgen uns 3 Teenager. Ich drehe mich um und spreche einen von ihnen direkt an: "I remember you. Please leave us alone. We just arrived, are tired and don't want to speak with you (to improve your English) or visit anything. Thank you." Auch das haben wir in Afrika gelernt: die Menschen hier wollen Deine Aufmerksamkeit. Nimm Dir Zeit, erklaere ihnen was Sache ist, und meisst bist Du sie los. Doch diesmal nicht. Der Abstand, indem sie uns folgten, wurde zwar groesser, doch sie blieben dran. Also ging ich auf den naechsten Polizisten in Uniform zu und fragte ihn nach einer Baeckerei. Die 3 Jungs bekamen natuerlich nicht mit, was ich fragte und mein Plan ging auf- sie verschwanden. Und wir fanden eine Baeckerei. Danach ging es noch in einen kleinen Shop, wo wir uns Bisquits, Bananen und Trinkwasser ergatterten. Zurueck ins Hotel. Endlich Duschen. Etwas kuerzer zwar als gewollt, denn das Wasser war eiskalt, aber es war nass- und wir danach sauber! Auf dem Hotelgelaende trafen wir auf drei Deutsche, die es mit dem Velo von Muenchen bis hierher geschafft haben. Wir verabreden uns auf ein Glas Cola spaeter am Abend. Phil und ich machen unser Heiligabendessen: er ruestet Zwiebeln (jawohl, was denn sonst), Karotten, leert Pasta, Salz und Wasser darueber, waehrend ich unseren maltretierten Kocher wie immer erst putze, die Duese mit einem Draht durchsteche (Originaldraht ging etwa vor 2 Monaten kaputt, seit da steche ich mit einem Naehnadeleinfaedler, dessen Drahtschlaufe ich aufschnitt- klappt super) und das ganze dann in Brand setze. In unserer Sprache heisst das: Phil ruestet, ich feuke! Es war eine meiner besten Weihnachtsmahlzeiten! Danach telefonierte ich mit meiner Familie und liess alle wissen, dass es mir gut geht. Wir verbrachten einen gemuetlichen und fuer uns Fruehschlaefer (21 Uhr) einen langen Abend zusammen mit den 3 Velofahrern, bis uns um 23 Uhr die Augen zu fielen.
25.12.03. Meine Armbanduhr geht los; richtig, es ist 5.55 Uhr. Nicht nur das blieb sich gleich wie am Vortag, sondern auch das Fruehstueck, das Packen, das Losfahren bis hin zum selben Nachtessen: Pasta mit Zwiebeln und Karotten. Weihnachten hin oder her. Nur die Strecke, die war anders. Zwar nur 177 km bis Gondar, wiederum alles Offroad- und der Strassenzustand mieserabel! Sandkasten, Kiesgrube und Geroellhalde, all das wechselte sich ab mit viel Wellblech, Schlagloechern und Baustellen. Und wo Baustellen sind, da sind auch Lastwagen, die den Sand so richtig schoen aufwirbeln. Ich uebertreibe nicht wenn ich sage, dass wir auf der haelfte der Strecke jeweils nicht weiter sahen als 10 Meter- manchmal (im Gegenlicht zB) sogar praktisch gar nichts. Es war anstrengend, muehsam und extrem kraefteraubend. Landschaftlich, sofern wir davon mal was sahen, war es wie am Tag zuvor, einfach traumhaft. Auch die Menschen, die Kinder; wie immer neugierig, freudig und zu hunderten anwesend! Als wir gegen 16 Uhr nach wiederum fast 7 Stunden Fahrt in Gondar ankamen, ihr ahnt es, genau das selbe Programm wie am Vortag. Nur das Benzinauftreiben, das liessen wir sein. Denn wir machten uns ein kleines Weihnachtsgeschenk, indem wir entschieden, an diesem Ort 2 Tage zu bleiben und uns tuechtig aus zu ruhen. Ich weiss es gar nicht mehr so genau... Phil telefonierte noch seiner Familie und berichtete, wie es uns ergeht. Dann assen wir Z'Nacht und gingen, jawohl, noch vor 21 Uhr ins Bett und verschliefen den Weihnachtsabend mit den allerbesten Traeumen.
Zusammen mit der Weihnachtszeit kommt ja auch das Ende des Jahres unaufhaltsam naeher. Seit Kapstadt hatten Phil und ich genau 2 Abende TV, in Moshi in Kenya. An all den anderen Abenden seit Anfang November (und der Abend, bzw. die Nacht beginnt nahe dem Aequator, wo wir uns immr noch befanden, um 18 Uhr), an all diesen Abenden verbrachten Phil und ich viel Zeit mit Radiohoeren. Phils kleiner Weltempfaenger lief und laeuft beinahe Tag und Nacht. Auf Deutsche Welle und BBC oder zur Not auch auf Voice of America (Sorry, zwecks Sprachverstaendigung verzichten wir auf die Lokalsender in Suwaheli, Amheric oder Arabisch), lauschten wir den Neuigkeiten und dem ewig Gleichbleibendem der grossen Welt. Schon mehrmals hoerten wir uns dazu aufgerufen, dem einen und anderen Radiosender zur Sondersendung zum Jahresende unser bestes, oder wichtigstes oder schoensten Erlebnis von 2003 mit zu teilen. Phil und ich schauten uns dann jeweils an und fanden recht schnell heraus, dass dies dieses Jahr unmoeglich zu machen sei. Immer wieder versanken wir, angekurbelt von solchen Umfragen, in unseren Erinnerungen, Erlebnissen von der Reise. War das Beste unsere Abreise im April 2003? War das Wichtigste, als wir am zweiten Tag der Reise in Queens, DEM Quartier New Yorks, Gott sei Dank von zwei Bullen in ihrem Auto aufgegabelt und in Sicherheit gebracht wurden? War das Schoenste die Begegnung mit dem Grand Canyon, den Menschen in den Anden, die Vogelwelt Patagoniens oder doch die Victoria Falls in Zambia? War das eindruecklichste die Safari in Kenya oder unsere Vulkanbesteigung in Costa Rica? Und das Gefaehrlichste? Der Verkehr in den Metropolen Zentralamerikas vielleicht oder doch die Strecke Isiolo-Moyale in Kenya? Das Schlimmste, das war sicher.... ach ich liebe diese Gespraeche und geniesse sie fast wie ein leckeres Weihnachtsessen aus Mutters guten Kueche. Auch im Internet stossen wir auf das Jahresende. In der NZZ, auf deren Seiten wir jedesmal fuer Stunden verweilen, wenn wir nach 10 Tagen ohne Internetzugang, total webausgehungert und informationsmaessig eindeutig unterernaehrt mal wieder Mail haben! So qulickte ich mich gwunderig durch die Bilderserie "Bilder des Jahres" der NZZ. Das machte ich zu Hause auch immer. Und bei jedem Foto war es jeweils so, dass ich mich genau erinnerte, an was es uns erinnern soll. Nicht so dieses Jahr. Bei fast jedem der kleinen Bildausschnitte konnte ich kaum warten, bis die Originalgroesse und der Kommentar dazu geladen waren; raetselnd, an was es mich erinnern sollte. Keine Ahnung. Doch erstaunt stellte ich dann fest, dass ich doch von all den Ereignissen auch gehoert habe, am Rande irgendwie- denn beschaeftigt hatte mich im Jahr 2003 eindeutig etwas anderes als das Grossgeschehen der Welt. Und Weihnachten? Das hatte ich dieses Jahr bestimmt mehr als einmal- auch ganz ohne passendes Datum!
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