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01.01.04 Wir stellen auf Reserve  

 

jazz - Ob wir wollen oder nicht, wir stellen auf Reserve. Gerade vorhin haben wir aus Phils Seitentank die letzten Tropfen bleifreies Benzin abgelassen; unser kostbarer, weil seit Nairobi (Kenya) nicht mehr erhaeltlicher fuer unseren Kocher aber einzig gut verwertbaren Brennstoff! Es ist noch gut ein Liter- das sollte zum Wasserabkochen und um einmal pro Tag eine Mahlzeit zu kochen ausreichen. Und uns bleibt somit ein muehsamer Gang erspahert: derjenige naemlich durch die verstaubten Strassen Khartoums, gesaeumt von zerfallenen Haeusern, staendig umzingelt von der patriarchischen Welt hier- nur Maenner auf der Strasse, dafuer aber zu hunderten. Jedenfalls gestern, als wir ankamen. Heute nicht, denn heute ist hier Nationalfeiertag. Nichts los, alles geschlossen.. . Und dabei weiss ich noch nicht mal, wie die Menschen hier feiern- denn alles Vergnuegen gegen Geld ist ungesetzlich. Also kein Alkohol, keine Parties, keine Konzerte, nichts. Ich sage euch, so trocken bin ich seit Pupertaetszeiten nicht mehr ins neue Jahr gerutscht. Um ehrlich zu sein, Phil und ich haben den Rutsch sogar verschlafen! Jawohl, so muede und fertig waren wir, als wir endlich in Khartoum ankamen. Gestern. Aber eigentlich wollte ich ja von dem Gang erzaehlen, der uns Dank des einen Liters Benzin, den wir noch haben, erspart bleibt. Es ist dies der Gang auf die Suche nach einer Apotheke, um dort im speziellen nach irgendetwas, das gut brennt und legal erhaeltlich ist zu fragen. Wo das Problem ist? Naja, das faengt beim Nationalfeiertag an, geht ueber die arabische und englishe Sprachwelt hinweg bis hin zur Infrastruktur der ganzen Stadt! Khartoum ist gross, laut, hat viele Strassen, die meisten waren mal asphaltiert versinken aber langsam aber sicher im Sandstaub. Khartoum hat kein einziges Einkaufszentrum, nur kleine Shops mit viel Seife, Waschmitteln und leeren Plasikbehaeltern, die lustigerweise die hier traditionellen Oellampenformen aufweisen. Khartoums Haeuser und Strassen sehen aus, als waere hier gerade erst Krieg gewesen. Kein Haus, das noch ganz in Ordnung ist. Keine Fassade, keine Strasse, keinen Buergersteig und kein Parkplatz, der noch voll intakt ist. Aber es gibt Buergersteige und es gibt Parkplaetze. Es gibt, in den Shops, auch wieder Kuehlschraenke und es gibt Pepsi Light! Und sogar andere Lightgetraenke wie 7up, Sprite usw. . Und trotzdem sind Phil und ich von Khartoum entaeuscht. In meinen Vorstellungen wuchs diese Stadt mit jedem Tag, der wir ihr naeher kamen zu einer Metropole, cosmopolitanischen Grossstadt an mit europaeischen oder von mir aus sogar amerikanischen Einfluessen und vor allem Importwaren. Ich sah Kaufhaeuser in den breiten, hellen und gepflegten sauberen Strassen der Stadt. Die Menschen hier sprechen alle English und das Hotel, wow das Hotel, das sollte in Khartoum der Hammer sein. Ich traeumte von Khartoum als wir uns in Ethiopien ueber die Felsacker quaelten, als wir uns von unzaehligen Kindern umzingelt durch die engen Gassen Gondars (Ethiopien) zwaegten auf der Suche nach Brot, oder Reis, oder ueberhaupt irgendetwas zu Essen. Ich erbaute mir mein Khartoum als ich in Gedaref (sudan)mit Bauchkraempfen im Hotelzimmer lag und ueberhaupt nicht mehr daran glaubte, das 400km entfernte Khartoum eberhaupt noch zu sehen. Ich stellte mir die Entwicklung, den Fortschritt und die Sicherheit, die gute medizinische Versorgung und den topmodernen Flughafen, ja sogar eine Regastation in Khartoum vor, als Phil, 12h nach mir fuer fast zwei Tage zusammenbrach und mit hohem Fieber und Uebelkeit sich im Bett waelzte. Khartoum- unsere Rettung!
Doch, wie bereits beschrieben, weit gefehlt! Natuerlich hat diese Stadt ihre Schoenheiten, mit all ihren Moscheen (prunkvolle, gepflegte und in Schuss gehaltene Bauten), den Maennern in ihren weissen Leinenkitteln, den Huetli, den Turbanen, den Baerten, den dunklen Gesichtern, Augen... Es ist schoen zu sehen, wie herzlich sich die Menschen (ok Maenner; denn Frauen sehe ich kaum) auf der Strasse begegnen: es wird umarmt, gekuesst und nicht selten gehen Maenner Hand in Hand. Natuerlich ist es erstaunlich, wie sie die alten Autos, Busse und ihre Taxis in Schuss halten! Was hier noch alles rumfaehrt! Und auch die Polizisten in ihren unglaubwuerdigen, hellblauen Uniformen, mit der Trillerpfeife mitten auf der Kreuzung mit funktionierender Ampel, doch faehrt jeder zu, der gerade eine Luecke vor sich hat. Auch die Shops sind spannend: man geht hier nicht Einkaufen, sondern auf die Jagt- nicht nach Schnaeppchen, sondern nach dem, was es gibt -zu einem Preis der mit Hand und Fuss Sprache verhandelt wird (am Ende hat aber immer der Taschenrechner recht). All das ist auch Khartoum. Oder zum Beispiel unser Hotel. Eigentlich ein Abendteuer, dieses WC ohne Licht mit einer Spuehlung die 30 Minuten plaetschert, bis sie wieder voll ist. Und der Dusche daneben, mit nur kaltem Wasser und das ist dann dafuer, nach der Dusche, im ganzen Zimmer verteilt.
Doch wir machen dies alles mit seit, ja seit wann? Das letzte Mal geduscht, so richtig geduscht mit Druck, heissem Wasser, in einer Kabine mit Licht und draussen einem Haken fuer Kleider und Frottiertuch (ach, Frottiertuch...), das war... ja, in Buenos Aires, Argentinien; im Oktober. Klingt vielleicht kleinlich. Aber stells Dir mal vor, seit 2 Monaten nicht mehr anstaendig geduscht!
Ich jedenfalls merke, dass ich langsam auf Reserve schalten muss. Mit meinen Kraeften muss ich haushalten (ich mache oft, wenn wir einen Tag Pause machen, mehr als ein Mittagsschlaefli pro Tag; PS: es ist 15 Uhr, Phil schlaeft...). Die beschriebene Jagt nach Nahrungsmitteln geht langsam aber sicher ans Eingemachte: was gibt es ueberhaupt, und was davon laesst sich gut transportieren? Was naehrt am meisten? Da bleibt seit dem Animal Desease Checkpoint in Namibia, vor 8 Wochen, meist gar nicht mehr viel uebrig. Ich gehe aber auch in Sachen Erwartungen voll auf Reserve. Denn natuerlich ist es nicht Khartoum, das entaeuscht, sondern ich, die ich viel zu viel erwartet habe. So zuegle ich mich in den Gedanken an Luxor oder Kairo so gut wie es eben geht.

Wie gesagt haben wir uns gerade vorhin noch unseren Bikes gewindmet. Auch hier heisst es, auf Reserve zugehen. Mein Vorderrad ziehrt noch immer der Bridgestonereifen, den ich in Kapstadt (vor gut 10'000 km) montiren liess- das Profiel sieht dementsprechend abgefahren aus. Aber auch die 3 anderen Pneus, die Pirelli MT21 (Offroadpneus mit anfangs riesigen Gummistollen...) haben seit Nairobi, wo wir sie kauften, ganz schoen Gummi gelassen. Wir koennen keine neuen Pneus kaufen- gibt es nicht- nicht zwischen Nairobi und Kairo. Phils Bremsbelag an der Hinterbremse zwingt ihn seit Addis (1500km) diese nur noch im Notfall zu brauchen (und dieser kann in Ethiopien, auf diesen ueblen Offraoadpisten mit all den Eseln, Kuhherden und Menschen, die sich keine Motoren, geschweige denn Motorraeder gewohnt sind, noch ziemlich oft eintreten). Ich trage dafuer die eine Feder meiner Staenderaufhaengung in meiner Jackentasche mit, seit mir durch einen Stein oder so die Metallnoppe, wo sie dran befestigt war, abbrach. Unsere gerochenen Tankschlaeuche bzw. Ventilstecker davon kleben wir mit Tapes zu. Ebenso mit Tape befestigen wir meine Federeinstellungswinde, die irgendwo in den USA schon brach, an meinen Seitentank. Mein Vorderlicht geht schon lange nicht mehr und meine Handschuhe musste ich auch schon beide an der Innenseite mit Tape behandeln, da ich das Leder schlichtweg bis zum Zerreissen durchgeschwitzt habe. Immer wieder pruefen wir auch meine nicht mehr originale Rahmenschraube, die irgendwo in Kenya liegen duerfte, betrachten die grosse Schraube beim Staender unten, die, ebenfalls in Kenya, brach. Da Phils Nummernschild sich in Ethiopien verabschiedet hatte, ziehren nette schwarzweisse Ausdrucke von Addis, natuerlich laminiert, unsere Hinteransicht. Und als wirgerade vorhin noch die Luftfilter wechselten sahen wir, dass bei meinem Bike einer der zwei Gumminoppen der Seitentankaufhaegung einfach weg ist. Jetzt steckt der Seitentank eben an einem eingetapten (was den sonst) Papiertaschentuch. Alles Reserve also.

Nicht auf Reserve, sondern langsam aber sicher voll, das sind meine Speicher. Ich merke, und ihr ab diesem Text bestimmt auch, dass ich langsam genug habe. Ich sehne mich immer mehr nach gewohntem, geordnetem und sooo normalem, wie es das von vielem eben nur zu Hause gibt.

Phil und ich waren bis heute nicht sicher, wie und wann die Reise weitergehen soll. Nehmen wir, aus Kraeftegruenden und Zustand der Bikes, den Zug von Khartoum nach Wadi Halfa(alles noch Sudan) (von wo aus es immer nur Mittwochs mit der Faehre weiter geht nach Asswan, Egypten). Oder fahren wir? Es soll ganz schoen sandig sein, diese 5 taegige Etappe dem Nil entlang, aber auch traumhaft schoen mit den lieben Menschen dort, den Tempeln, der Wueste.... Ihr aht, und die Muetter befuerchten, wir fahren selbst. Wir versuchen es, wie es auf Reservesprache wohl heissen wuerde. Denn, da sind sich Phil und ich unterdessen einig, in den Laendern Afrikas ist es oft einfacher, sich in laendlichen Gegenden, in den kleinen Doerfern nach Esswaren und Trinkwasser durch zu fragen, als in einer moechtegern Grossstadt wie Khartoum (sorry). Und fahrtechnisch- wir werden sehen- aber mal ehrlich, was kann da noch kommen, was wir nicht schon hatten in den letzten 8 Monaten, auf den letzten 50'000km....


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