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24.01.04 Afrika schafft uns nicht und trotzdem naht das Ende  

 

phil - Die Idee fuer diesen Text und auch der Titel kam schon frueh, das muss so um Kenya gewesen sein. Obwohl die haertesten Etappen noch vor uns, hatte ich in Nairobi schon das Gefuehl, Afrika weitgehend erobert zu haben und die Ankunft in der Schweiz rueckte dementsprechend ins naehere Bewusstsein. Zufrieden ueber den Verlauf der bisherigen Afrikadurchquerung war ich mir sicher: Ja, Afrika schafft nicht uns, wir schaffen Afrika! Doch was kommt danach? Was soll ich tun, wenn wir wieder zurueck sind? Haette ich das Geld, so wuerde ich wohl weiter reisen. In der Tuerkei rechts abbiegen durch den Iran und Pakistan nach Indien und weiter in Asien, verschiffen nach Wladiwostok und durch Sibirien wiederum Europa entgegen. So der Plan mit dem Selbstbewusstsein eines Motorradreisenden mit 40'000Km. Denn zu Hause, so war ich mir sicher, erwartet mich nicht viel. Dies im Sinne, dass es nichts gibt, auf was ich mich freuen und einstellen, konkrete Vorfreude entwickeln koennte, ausser materialistischen Wuenschen, allem voran dunkles, knuspriges Brot. Freundschaften und Familie, so sehr ich sie teilweise vermisse, genauso intensiv sind sie in meinem Herzen mit dabei und zwar ueberall auf dieser Welt. Ich stellte mir vor, wie wohl Gespraeche ausfallen werden, welche Fragen gestellt werden, wenn ich zu Hause bin und was ich darauf antworten werde. Bei all diesen Ueberlegungen kam mir in den Sinn, dass ich zwar weiss, was und wo meine Heimat ist, doch fehlt es an grundlegenden Eckpfeilern, was ein zu Hause ausmacht. Es erwartet mich weder ein Job, noch habe ich eine eigene Wohnung, Fragen fallen erfahrungsgemaess selten an, wenn dann meist pauschal - "Und, wie wars?" - und wie es mit dem zuhoeren steht, muss ich niemendem erklaeren. Von einer Weltreise nach Hause kommen kam ich zum Schluss, sei entweder a) wie ein Zahnarztbesuch: Man geht erst wenn das (Budget-) Loch weh tut, oder b) wie der Harndrang vor der verschlossenen Wohnungstuer: Man muss dann am meisten, wenn man kurz davor steht, wobei im Reisefall der Harndrang mit der Gewohnheit zu tauschen ist.

Nun sitzen wir in der Hauptstadt Jordaniens. Uebergluecklich, dass die Menschen hier trotz unterschiedlicher Religion und Staatsform aehnliche Beduerfnisse haben, wie wir sie kennen. Die Auswahl an Produkten ist vielfaeltig und scheinbar unerschoepflich, es gibt wieder asphaltierte Strassen, Baustellen sind abgesichert und sogar richtiger, stockender Kolonnenverkehr durch Privatautos. Die Stadt und auch die Wueste ist sauber, die Menschen im allgemeinen recht gebildet, hilfsbereit und trotzdem wird nicht mehr mit dem Finger auf uns gezeigt, Klo und Dusche sind nicht mehr auf dem selben halben Quadratmeter, bewegen koennen wir uns ausserhalb von bewachten Konvois und Polizisten konzentrieren sich wieder auf den Schwerverkehr und nicht auf Touristen.

Afrikaschafft uns nicht, so wuerde ich das aus heutiger Sicht nicht mehr formulieren. Die zweite Haelfte, Nordkenya, Aethiopien, der Sudan und Aegypten hat nochmals gefordert. Ein weiterer Bericht mit dem Titel "An die Grenze und darueber hinaus" ist seit laengerem in Bearbeitung, seine Veroeffentlichung ist aber noch ungewiss. Es ist schwer, dermassen intensive, kontrastreiche Erlebnisse zusammenzufassen. Was davon bleibt, kann kurz gefasst werden. Unvergessliche Erinnerungen, eine hervorragende Erfahrung. In einem frueheren Bericht wollte ich mich nicht entschliessen, Afrika "zu hassen" oder "zu lieben". Aus heutiger Sicht tendiere ich dazu, Afrika zu lieben. Die tausend Gesichter und das Gesamtbild, das sie abgeben, geht tief in mich hinein und bewegt mich. Trotzdem hat es gefordert und Kraefte, physische und psychische, gezehrt. Vielleicht mag ich Afrika genau deswegen, Afrika wird einem nicht geschenkt. Individualtouristen brauchen hier keine Vergnuegungsparks, Afrika mit dem Motorrad, das ist das Erlebnis selbst.
Zwischendurch hatte ich mir auch einmal nichts mehr gewuenscht, als zu Hause zu sein. Zu Hause als irgend einen Ort innerhalb dem Land mit weissem Kreuz auf rotem Grund an dem meine Muttersprache verstanden wird. Diesen starken Wunsch verspuerte ich wie noch nie zuvor, als ich mit hohem Fieber im Bett lag, irgendwo im Sudan. Unser Versicherungsagent meinte bei einem Treffen noch waehrend der Reisevorbereitung, dass Menschen, welche im Ausland krank werden, primaer nach Hause geholt werden moechten. Mag sein, habe ich mir gedacht, wenn ich einen Hirntumor oder ernsteres habe, wegen einer Grippe moechte ich ganz sicher nicht zurueck. Spielt doch keine rolle, wo auf dieser Welt ich drei tage im Bett liege. Falsch! Horrorszenarien spielen sich vor dem geistigen Auge ab, rationales Denken wird schwierig. Schlussendlich war es eigentlich das Schamgefuehl, das mich davor abhielt, der Rega ein Hilferuf zu senden. Rettungsflug aus der Wueste wegen einer Grippe? Es war wohl nichts anderes als eine Grippe, gluecklicherweise. Es war aber auch Wueste, ein paar hundert Kilometer rund herum, Fieber und einen Schmerz, den ich nicht kannte. Und in dieser Situation, so lernte ich, gehoere ich zu denen, die einfach nur noch nach Hause wollen.

Nun bin ich wieder gesund, befinde mich in einer Umgebung, von der ich nicht wagte zu traeumen. Nun moechte ich wieder nach Asien? Nein, dieser Gedanke loest nicht mehr ungeteilte Freude aus. Das zu Hause ist noch einen Monat und weniger als 3000Km Luftlinie entfernt, wir stehen bildlich gesprochen vor der Tuere und kramen in der Tasche nach dem Schluessel. Zukunftsgedanken beginnen sich zu konkretisieren, respektive wuerde ich mir dies wuenschen. Ein ausgetrockneter IT Markt ist nicht der ideale Untergrund fuer ein Sumpfgewaechs. Fuer meine Zukunft wuensche ich mir eine packende, laengerfristige Herausvorderung. Da das Glueck in der Regel nicht an der Haustuer klingelt, muss man es suchen gehen. So habe ich mich schon per mail bei diversen schweizer Firmen mit einem Brief gemeldet. Noch keine Bewerbung auf eine ausgeschriebene Stelle, sondern eine unverbindliche Stellenanfrage. Doch ausser "Vielen Dank fuer Ihre, leider momentan keine, schauen Sie doch Homepage, viel Erfolg" noch keine Antwort. So gesehen hat sich seit Nairobi nicht viel geaendert. Meinem Gefuehl nach, habe ich immer noch nichts, was mich nach Hause zieht. Im Unterschied zu damals habe ich nun aber nicht mehr das Beduerfnis, weitere Welten entdecken zu wollen. Gesaettigt von den Erlebnissen merke ich die Muedigkeit und sehne mich, wenn nicht nach zu Hause, einfach nach einem Stueck Gewohnheit, wo es mir gefallen hat und wo ich all das Vergangene verarbeiten und positiv fuer meine Zukunft nutzen kann.


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