20.02.04 "Nous venons d' Afrique, Monsieur!"  

 

jazz - Es war eine kleine Faehre, die uns und unsere Bikes zusammen mit einer handvoll anderer Reisender von Marmaris, Tuerkei, in einer 2 stuendigen Fahrt rueber nach Rodos, Griechenland brachte. Griechenland, Rodos- EUROPA!!!! Am Hafen ging es als erstes durch den Zoll. Und dort geschah das Unfassbare: der Zollbeamte gab uns unsere Paesse nach kurzer Betrachtung zurueck- ohne Stempel! Unfassbar aber ist vor allem, dass wir tatsaechlich fragten, wir, wo wir soooo genug haben von Grenze, Buero, Stempeln und Formularen, wir also fragten, ob er uns nicht einen Stempel in unseren Pass machen koennte, so zur Erinnerung. Der gute Mann sah uns kopfschuettelnd an, willigte dann aber schliesslich ein und verpasste unseren Paessen auf der jeweils zweitletzten noch freien Seite einen Stempel!
Gleich am Hafen steuerten wir ein Ticketoffice an und kauften Tickets fuer die Fahre um 14 Uhr gleichen Tags. Wir assen Orangen und etwas Brot bevor wir in den Rumpf der gigantischen Faehre der Dane Sea Line fuhren und unsere Kabine bezogen. Teuer wars, doch unser Vorwaertskommen empfanden wir beide als wichtiger als das Budget! Und es sollte sich noch auszahlen, dass wir auf Rodos nicht doch noch 2-3 Tage verweilten..... .

Am Mittwoch, 11.2.04 legten wir gegen 10 Uhr im Hafen von Pietra (Athen) an. Es wurde ein muehsames, extrem verkehrsreiches "stopp and go" mit viel Stau auf unserer Fahrt raus aus dieser Hauptstadt, die fast alle Strassen am ausbauen ist fuer die Olympiade, die noch dieses Jahr hier stattfinden soll. War mir gar nicht sicher, angesichts der vielen Baustellen, ob das alles termingerecht fertig sein wird! Auf den Strassen Athens hatte ich dann noch riesiges Glueck: mir fuhr ein Vesparaser hinten auf weil er zwischen den Autos so hervor breschte und mich zu spaet sah und nicht mehr bremsen konnte. Er kam ins Schleudern, touchierte Autos... ich blieb schoen in meiner Spuhr, liess mich durch den Putsch von hinten nicht beirren und schaute in meinem Rueckspiegel der Karambolage hinter mir zu, zaehlte 3 Autos die quer stehen, sah aber auch, dass sich niemand verletzte und so fuhr ich im Stossverkehr einfach weiter... .Naja, nicht ganz sauber vielleicht aber sicher auch nicht falsch.
Das Wetter war gut, die Temperatur mild und die 237km Fahrt nach Patra waren ein Genuss.
Es war etwa 16 Uhr, als wir die Hafenstadt Patra erreichten und nahe dem Hafen ein Ticket fuer die Faehre um 18 Uhr am selben Tag kauften. Wieder ein gigantisches Schiff, diesmal von der Anek Line. Die Ueberfahrt war extrem stuermisch, der Wellengang hoch und Phil lag flach in unserer Kabine... .

Es war am Mittwoch, den 12.02.04 um 15 Uhr als wir mit unseren Bikes aus dem Rumpf des Schiffes auf italienischen Boden fuhren! Wir suchten das Zollhaus, fragten nach einem Stempel, doch wir gingen leer aus. Es sei unmoeglich, uns einen Stempel zu geben, dies sei EU, hiess es. Niemand bemaengelte unsere selbst ausgedruckten, laminierten schwarzweisskopierten Nummernschildern! Phil verlor doch sein Original in einem Schlagloch in Ethiopien und um keine Verwirrung zu stiften, bastelten wir nicht nur ihm sondern auch mir in Adis Ababa ein neues. Ich habe die Grenzen und Polizeikontrollen seit da nicht gezaehlt- es waren einige. Doch wie gesagt, bemaengelt (bemerkt?) hat nie einer etwas!
So fuhren wir durch Ancona auf die nahe Autostrada, hielten bei der ersten Raststaette, einem original Autogrill, und tranken den uns sehr bekannten, lange vermissten italienischen Tankstellencafe! Wir staunten ab den Autos auf der Autobahn, besonders die neuen Modelle, nie zuvor gesehen, von denen es sehr viele hatte, genossen unsere Aufmerksamkeit. Als ich das selbe Auto sah, das ich zu Hause habe, das war ganz komisch.. . Wir sahen Zuege, Einkaufszentren mit Namen die wir kennen... es war herrlich! In Fano, gut 70km von Ancona entfernt, suchten wir ein Hotel und machten Bekanntschaft mit Europa, den Preisen von Europa. Nicht speziell hoch, wenn man darin lebt, so Tag fuer Tag. Schon etwas hoeher, wenn man von Afrika kommt und eigentlich unbezahlbar, wenn man kein regelmaessiges Einkommen hat... . Ja, wir mussten uns in den folgenden Tagen an den Euro und seinen Wert gewoehnen.
Europa kam mir aber auch im symbolischen Sinne unbezahlbar vor. Ploetzlich, wirklich ploetzlich, war alles wieder da. Gewohntes, Bekanntes und Vermisstes. Gutes und Schlechtes (was immer noch gut ist, wenn man es 10 Monate nicht hatte- Stau kann zum Beispiel, kann beruhigender sein, als ueber 100erte von Kilometern kein anderes Fahrzeug zu sehen!). Mich ueberrumpelte die Situation, alles Gewohnte wieder zu haben. Wie gelaehmt war ich im ersten Migros, schaute alles an- kaufte aber nichts! Irgendwie genauso ohnmaechtig gegenueber dem Bekannten, alles wieder zu haben, wie gegenueber dem vielen Fremden der letzten 10 Monate!

Am Donnertsag, 13.02.04 uebernachteten wir in Piacenza (I). Hier erfahren wir im italienischen Fernsehen, dass es in Athen 0.5m Schnee gegeben hat und dass auch in der Tuerkei ein Kaelteinbruch stattfand, sowie im Sueden Italiens. Deshalb war die See so stuermisch! Noch vor 36h Stunden fuhren wir bei fruehlingshafter Witterung durch Athen... Glueck gehabt!
Am Samstag, 14.02.04 (Valentinstag) erreichten wir Monaco. Die Fahrt war auch heute wieder eiskalt bei etwa 3 Grad und Nebel, aber trocken und ohne Wind. Leider stieg bei mir gerade vor einer Woche die linke Griffheizung aus und ich frohr ganz schoen in meinen Sommerhandschuhen, deren Schweissloecher aus Afrika ich notduerftig zusammengetaped habe... . Kurz nach Ventimiglia (I), dann unser definitiv schnellster Grenzuebertritt der ganzen Reise: mit gut 80kmh fuhren wir auf der Autobahn an der Tafel mit der Aufschrift: FRANCE vorbei- und kurz danach an einer mit MONACO! Kurvig war die enge Strasse in die Stadt hinunter, wo Phil zielstrebig die Wohnadresse seines ehemaligen Arbeitskollegen und seiner Familie ansteuerte. Wir fanden die Tuer sehr bald, doch leider war niemand zu Hause. Wir schrieben einen Zettel und verweilten 2h im nahen Carefour (! Hilfe), um es danach nochmals zu versuchen.
Die Freude war auf allen Gesichtern, als uns die Tuer geoeffnet wurde!
Aufs herzlichste wurden wir empfangen, umsorgt und bekocht. 3 Tage und 3 Naechte quartierten wir uns hier ein, genossen den Blick auf den Hafen, auf Rainers Schloss und Stephanies Wohnwagen. Ich wurde ins Kino eingeladen. Ausgang? Abends? In Monaco? Ich? Vorbei an der Oper, dem beleuchteten Casino- ich in Pludderhosen, Turnschuhen und Motorradjacke mit einem Wuschel von Haaren auf dem Kopf, ganz sicher aber keiner Frisur! Es war ganz komisch, ueberwaeltigend und ich weiss bis heute nicht, was an dem Abend Film war, und was Realitaet!
Als wir unter anderem erzaehlten (ich glaube, wir quaselten die Familie non stopp voll!), als wir also erwaehnten, dass wir in Italien und Frankreich keine Stempel erhalten zu haben, da gabs fuer die Tochter kein Halten mehr und die junge Kuenstlerin verpasste unseren Paessen den farbigsten aller Stempel: den fuer Italien, Frankreich und Monaco in einem! Noch nie zuvor hat sich das Warten auf einen Stempel so gelohnt! Mille Grazie!

Wir nutzten die Gelgenheit, die Pause in Monaco, um uns zu erholen (viel Schlafen), Kleider zu waschen, gut zu Essen und um im Internet unsere Weiterreise zu planen. Jugendherbergen, die schon offen haben schrieben wir uns heraus, einen BMW Haendler an unserem Weg durch Frankreich fanden wir (um endlich Phils Hinterbremsen, die Luftfilter sowie die Kerzen bei beiden Bikes aus zu wechseln und um meine Griffheizung zu reparieren) und sogar einen Pneuhaendler fanden wir; im selben Dorf wie den BMW Mech.
Gestaerkt, ausgeruht und vorbreitet wie schon lange nicht mehr, ausgeruestet mit Handys, die wir uns von zu Hause nach Monaco schicken liessen, ging unsere Fahrt am Dienstag, 17.02.04 weiter von Monaco, durch Nizza nach Aix en Provence. Dort uebernachteten wir in der Jugi. Diese war gar nicht viel guenstiger, als ein billiges Hotel (!), dafuer schlecht geheizt und das Personal extrem bevormundend und unfreundlich. Zum z'Nacht assen wir die feinste Pizza seit langem. Kalt zwar, aber mit Liebe zubereitet von den Kindern der Monaccofamilie! Merci!!
Frueh am naechsten Tag ging unsere Fahrt weiter, wiederum kalt, wiederum gut 250 km, nach Valence. Schnell fanden wir ein budgetgerechtes Hotel im Zentrum. In diesem Ort blieben wir zwei Tage, besuchten den BMW Mech fuer alle faelligen Reparaturen (alles geflickt, Griffheizung sogar auf Garantie- judihui!) und liessen neue Reifen montieren (Michelin fuer Phil und Dunloop fuer mich).

Die Weiterfahrt am Freitag, 20.02.04 genossen wir dann so richtig: Griffheizung ok, Phil konnte endlich wieder anstaendig Bremsen und mit den neuen Pneus (ich erwaehne das gerne nochmals: Phils Reifen und mein Hinterreifen waren seit Nairobi, Kenya die selben! Stollenpneus! Und mein Vorderreifen war gar seit Kapstadt drauf- ein harter Bridgestone Stassenpneu- durch ganz Afrika!), mit den neuen Pneus also war es auch wieder viel leiser und weniger rumpelig zu fahren. Endlich wieder gasgeben in den Kurven!
Ich sah an dem Tag den ersten TGV seit langem, sehr langem. Sogar als ich ein Kernkraftwerk sah, kam Wohlgefuehl auf! Und als ich dann las: "Douane Suisse 800m" kullerten mir die Traenen herunter und das Visier beschlug.

Meine Knie zitterten, als ich mein Bike am Zoll abstellte, den Helm auszog und Phil in die Arme schloss- SCHWEIZ! Ein Zollbeamte machte auf unseren Wunsch hin ein Foto von uns. Im Zollhaus kramten wir genau die Schweizer Noetli hervor, die wir am 15.4.03 am Flughafen Kloten in die hinterste Nische des Portmones verstauten und bezahlten nun damit mit Freude die Autobahnvignette. Als ich dem Zollbeamten unsere Carnets vorlegte, damit er sie abstempeln konnte, als Beweis, dass die Bikes wieder in der CH sind und wir Pleitegeier unsere Depots ausloesen koennen, da schaute mich der Zollbeamte unglaeubig an und meinte, ob wir denn nicht ein Schweizer Nummernschild haetten (doch, doch, und was fuer eins- selbstgemacht- keiner hats gemerkt!)? Weshalb wir denn, von Frankreich kommend, ein Carnet haetten? Das sei doch gar nicht noetig! Ich schaute ihn an und erklaerte nicht ganz ohne Stolz: "Nous venons d' Afrique, Monsieur!" - Es folgte ein weiteres Stempelpoltern, jenes des 39. und letzten Grenzuebertritts unserer unglaublichen Reise!


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